Thur zwischen Andelfingen und Dätwil (ZH) im Hitzesommer 2026 Dominic Tinner
15.09.2026

Unsere Lebensversicherung bei Wetterextremen: die Natur

Die Natur könnte in einem Sommer wie diesem unsere beste Verbündete sein. Intakte Böden, Wälder und Gewässer kühlen, speichern Wasser und regulieren Wetterextreme. Doch anstatt sie zu schützen, beuten wir sie aus. Damit wir unsere natürliche Lebensversicherung nicht verlieren, braucht es nationale Massnamen für einen nachhaltigen Umgang mit Boden, Wald und Wasser.

Wo war es diesen Sommer trotz rekordhoher Hitze und anhaltender Dürre noch erträglich? Diverse Städte, Tourismusanbieter und Privatinitiativen haben Karten mit kühlen Orten publiziert. Kaum überraschend: Die meisten davon befinden sich in Parks, in Wäldern, in den Bergen und an Gewässern. Nicht nur für Privatpersonen, auch für die Landwirtschaft und Siedlungsentwicklung sind intakte Naturräume unsere natürliche Lebensversicherung bei Extremwetterereignissen. Gesunde Böden speichern Wasser, auf denen tiefwurzelnde Pflanzen und Bäume wachsen, die wiederum das Klima regulieren und den Boden stabilisieren. Damit beugen naturnahe Wälder, Wiesen, Gewässer und Parks nicht nur der Überhitzung, sondern auch Hochwasser und Bodenerosion vor.

Je vielfältiger desto resilienter

Gleichzeitig setzt die extreme Trockenheit den vielerorts bereits übernutzten und zu wenig geschützten, natürlichen Lebensräumen zu. Ausgetrocknete Böden, braune Baumkronen und trockene Bachbette sind die offensichtlichsten Symptome. Weniger sichtbar, aber nicht weniger gravierend: die Konzentration der Schad- und Nährstoffe im verbleibenden Wasser steigt, die hohen Wassertemperaturen fördern Algenwachstum und verunmöglichen die Kühlung von AKWs. In der Folge erliessen die Kantone Wassersparmassnahmen, Fischerei- und Badeverbote. Der Bundesrat sprach Notfallkredite für die Landwirtschaft, erhöhte Temperaturgrenzwerte und justierte die Waldfinanzierung. All das sind kurzfristige und ungenügende Massnahmen. Wir müssen die Natur – die uns kostenlos gesundes Trinkwasser, saubere Luft und fruchtbare Böden liefert – langfristig stärken. Und das heisst: Biodiversität fördern! Denn - das weiss jede Gärtnerin - je diverser die Aussaat, desto geringer das Risiko eines Totalausfalls.

Wasser speichern, Wald erhalten

Auf nationaler Ebene gibt es in der Schweiz diverse Strategien für den langfristigen Erhalt unserer Böden, Wälder und Gewässer. Aber die Umsetzung lässt auf sich warten. Dabei hat dieser Sommer gezeigt, was es braucht: mehr Wasser in der Natur! Unsere Böden, Wälder und Gewässer sind die natürlichsten und effizientesten Wasserspeicher, die in Dürreperioden automatische Wasser ans Umland abgeben. Die Förderung ihres Wasserrückhalts muss unbedingt Vorrang vor technischen Lösungen wie Speicherseen und Quellfassungen haben. Doch anstatt dieses Potenzial zu nutzen, wird Wasser oft wie Abfall behandelt und möglichst rasch abgeführt. Auf Feldern durch Drainagen, in Wäldern mit Abzugsgräben und im Siedlungsraum über versiegelte Flächen fliesst es direkt in die Kanalisation. Hier braucht es ein Umdenken: Konzepte wie Schwammstadt und Schwammland müssen gesamtschweizerisch umgesetzt werden. Gewässerrenaturierungen, Moorregenerationen und Kraftwerksanierungen müssen endlich mit der nötigen – und gesetzlich vorgeschriebenen - Dringlichkeit angegangen werden.
Die Förderung von Feuchtwäldern ist ein vielversprechendes Konzept, um auch unsere Wälder mit dem nötigen Wasser zu versorgen. Im Umgang mit der Klimaerhitzung dürfen wir den Walderhalt insgesamt nicht aus den Augen verlieren. Neuste Berichte zeigen, dass eine bedenkliche Trendwende stattgefunden hat und die Waldfläche im Mittelland und in den Talebenen abnimmt – genau dort, wo Wälder ein wichtiger Erholungsraum für die Bevölkerung sind.

Wissen schaffen und nutzen

Um die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen zu stoppen, müssen wir wissen, wo sich diese befinden und wie sie genutzt werden. Heute wissen wir in der Schweiz weder wer wie viel Wasser aus Bächen, Flüssen und Seen entnimmt, noch wo sich welche Böden befinden – das ist unverantwortlich. Im Rahmen der nationalen Boden- und Wasserstrategie muss der Bund die entsprechenden Fakten beschaffen und öffentlich zugänglich machen. Nur so können wir uns auf eine faire und nachhaltige Nutzung einigen, damit wir auch bei künftigen Hitzewellen auf den erfrischenden Sprung ins kalte Wasser und den erholsamen Spaziergang im kühlen Wald zählen können.

Kontakt: 

  • Pro Natura Medienstelle, Tel. 079 826 69 47, @email

Dieser Artikel wurde am 11. September 2026 als Gastkommentar von Urs Leugger-Eggimann in der NZZ publiziert.