Ameisen auf Ameisenhaufen Matthias Sorg
03.03.2026 Wald

«Unter der Lupe offenbarte sich eine Welt voller Wunder»

Die Insektenforscherin Anne Freitag hat während ihres Biologiestudiums und durch den Kontakt mit dem bekannten Ameisenforscher Daniel Cherix eine Leidenschaft für Ameisen entwickelt. Heute befasst sich die Entomologin mit der Verbreitung der Tiere in der Schweiz.

Anne Freitag gehörte nie zu den Kindern, die herumkrochen und beobachteten, wie Ameisen die Reste des Familienpicknicks abtransportieren. «Als Kind fand ich Insekten ekelhaft und hatte überhaupt kein Interesse daran.» Trotz dieser frühen Abneigung studierte sie Insektenkunde (Entomologie) und arbeitet heute als Kuratorin für wirbellose Tiere in der zoologischen Abteilung des Naturéum, des naturwissenschaftlichen Museums des Kantons Waadt in Lausanne.

Besonders angetan haben es Freitag Ameisen, vor allem Waldameisen, deren Nester sie im Naturerlebnispark Jorat studiert. Die Leidenschaft entstand während des Biologiestudiums an der Uni Neuenburg. «Eigentlich wollte ich mich mit Säugetieren oder Vögeln auseinandersetzen. Dank meinem Entomologie-Dozenten entdeckte ich unter der Lupe eine Welt voller Wunder mit einer überraschenden Vielfalt an Formen und Farben.» So fand Freitag ihre Berufung, die 1992 durch die Begegnung mit dem berühmten Ameisenforscher Daniel Cherix verstärkt wurde, damals Kurator am Zoologischen Museum Lausanne. Dort schrieb Freitag ihre Doktorarbeit über den Wendehals, einen Vogel, der sich nur von – Überraschung! – Ameisen ernährt.

Auf der Pirsch nach Ameisen

Was fasziniert Freitag an Ameisen? Da ist zum einen das soziale Leben der staatenbildenden Insekten, das an die menschliche Gesellschaft erinnert. Zudem interessiert sich Freitag für die Verbreitung der Ameisen in der Schweiz, denn hierzulande sind die wissenschaftlichen Daten dazu noch spärlich. «Selbst wenn ich spazieren gehe, sehe ich immer unter Steinen oder in toten Baumstämmen nach, ob dort Ameisen eben. So kann ich unser Wissen über die rund 150 Arten in der Schweiz erweitern.»

Bei uns machen Ameisen zwar nur ein bescheidenes Prozent der Arten weltweit aus – auf einer kleinen Fläche wie der Schweiz ist das aber nicht zu vernachlässigen. «Wir haben eine Vielfalt an Lebensräumen. So leben im Tessin südliche Arten, in den Alpen und im Jura Bergameisen.» Ist die Kuratorin nicht im Feld unterwegs – etwas, das nur einen kleinen Teil ihrer Arbeitszeit in Anspruch nimmt –, verwaltet sie mit ihren Teams die Sammlung der Wirbellosen in der zoologischen Abteilung. «Neben Ausstellungen für die Öffentlichkeit ist dies die Daseinsberechtigung eines Museums: der Wissenschaft den Zugang zu Exemplaren zu ermöglichen, die dann nicht selbst im Feld gesammelt werden müssen.»

Ameisenhaufen im Wald Matthias Sorg

Akribische Arbeit

Die einzelnen Bestandteile einer Sammlung müssen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler leicht zugänglich sein. Deshalb hat das Naturéum vor 25 Jahren mit der Digitalisierung der Datenbanken begonnen. «Bei den Insekten sind das immerhin zwei bis vier Millionen Individuen, die inventarisiert werden müssen, zusätzlich zu den rund 310 000, die bereits digital erfasst sind.» Bei alten Sammlungen, wie jener des Waadtländer Psychiaters und Ameisenforschers Auguste Forel aus dem frühen 20. Jahrhundert, ist die digitale Erfassung sehr anspruchsvoll. Forels Etiketten sind zwar in einer schönen, aber schwer lesbaren Handschrift geschrieben, was bei der Digitalisierung besondere Sorgfalt erfordert. «Manchmal haben sich die Namen der Orte, an denen die Ameisen gesammelt wurden, im Laufe der Zeit geändert. Dann muss man recherchieren, um sie zu finden. Zu Forels Zeiten war es schwieriger, GPS-Koordinaten zu bestimmen, vor allem mitten im Regenwald des Amazonas, wohin er einige Expeditionen unternommen hatte.»

Abenteurerin … in der Schweiz

War Anne Freitag nicht versucht, auf der Suche nach seltenen Arten auch in die Welt hinauszuziehen? «Ich bin keine Weltenbummlerin. Ich war aber in Indonesien, wo ich einige fast sagenumwobene Arten sah, etwa die Weberameisen, die hängende Nester bauen, indem sie Baumblätter mit Seidenfäden verkleben.» Freitag ist jedoch genauso begeistert, wenn sie in der Schweiz auf eine Art stösst, die sie noch nie gesehen hat. «Mit zunehmender Erfahrung weiss ich immer besser, wo ich suchen muss.»

Ein Vorteil der Digitalisierung und Vernetzung mit anderen Schweizer Museen sei, dass die Entwicklung der Populationen besser erfasst würde – auch wenn die Daten dann manchmal bloss «das Gefühl bestätigen, dass die Populationen drastisch zurückgehen, was aufgrund des Klimawandels, des Verlusts natürlicher Lebensräume, des Drucks durch menschliche Aktivitäten und so weiter unausweichlich erscheint. Aber wir tun uns noch schwer damit, diesen Verlust zu beziffern.»
Anne Freitag ist von Natur aus zwar ein eher fröhlicher Mensch, angesichts des Rückgangs der Artenvielfalt aber ist sie eher pessimistisch. «Dabei können alle etwas tun. Nur fällt es uns schwer, Einschränkungen zu akzeptieren. Meist ist man davon überzeugt, dass man sich bereits viel mehr engagiert als die anderen …»

TANIA ARAMAN, Redaktorin
Pro Natura Magazin

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Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

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