Fischer in einem Fluss stehend. Pavliha_iStock-1241052295.jpg
29.10.2026 Artenschutz

Wie steht Pro Natura zu Jagd und Angeln?

Diese Frage wird uns häufig gestellt. Viele gehen davon aus, dass eine Naturschutzorganisation die Jagd und das Angeln ablehnen müsse. Der Annahme liegt eine Vermischung von Tier- und Naturschutz sowie eine überholte Vorstellung der Jagd zugrunde. Zeit für eine Klärung.

Pro Natura setzt sich als Naturschutzorganisation für einen nachhaltigen Umgang mit der Artenvielfalt und unseren Lebensgrundlagen ein. Sie beurteilt nicht, ob Jagd oder Angeln als Selbstzweck legitim sind, ob es also ethisch vertretbar ist, Tiere zu töten. Diese Fragen sind in erster Linie Sache des Tierschutzes. Aber selbstverständlich begrüsst Pro Natura einen schonenden Umgang mit Tieren und lehnt grausame Jagd- und Fangmethoden klar ab. So ist etwa der Einsatz von Tellereisen oder lebender Köderfische in der Schweiz verboten, was richtig ist.

Interesse für die Natur

Jägerin oder Angler zu werden, setzt nebst einem gewissen «Jagdtrieb» auch grosses Interesse für die Natur voraus. Aus Sicht von Pro Natura ist dies erfreulich angesichts der heutigen Naturferne grosser Teile der Gesellschaft. Und das Interesse allein genügt nicht: Schweizer Jäger absolvieren eine aufwendige Ausbildung in Wildtierbiologie, Ökologie, Jagdrecht, Waffenkunde und Fleischhygiene. Auch für den Anglerschein ist eine Prüfung Voraussetzung. 

Der Motive zur Ausübung von Jagd oder Angeln sind viele: der Wunsch nach Authentizität bezüglich eines bewussten Fleischkonsums und dass man Teil der Natur ist, die Übernahme von Verantwortung für Tiere und Lebensräume sowie das Interesse für ökologische Zusammenhänge. Kapitale Trophäen und Fänge sind selten der Hauptgrund. 

Jagd und Fischfang in der Schweiz unterstehen Vorgaben durch nationale und kantonale Jagd- und Fischereigesetze sowie das Tierschutzgesetz. Der Bund macht die allgemeinen Regeln, etwa zu geschützten Tierarten, Schonzeiten und verbotenen Jagdmethoden. Die Kantone regeln die eigentliche Ausübung: das Jagdsystem nach Patent- oder Revierjagd, die Jagdberechtigung oder die Fangsaison. 

Zu beachten ist der Unterschied zwischen Berufsfischerei und «Angelsport»: Berufsfischer verdienen ihren Lebensunterhalt mit der natürlichen Ressource Fisch, die sie meist mit Netzen aus heimischen Seen fangen, während Anglerinnen in ihrer Freizeit mit der Angelrute einzelne Fische fangen. Im Unterschied zur Jagd unterliegt Angeln fast ausschliesslich dem Tierschutzgesetz, denn das Fischereigesetz regelt vorab die Ausübung der Berufsfischerei.

Aktiver Beitrag zum Naturschutz

Jägerinnen und Jäger helfen bei der Lebensraumaufwertung, indem sie Hegestunden im Rahmen der Ausbildung oder in Form regelmässiger Vereinsaktivitäten leisten und dabei etwa Waldränder und Hecken pflegen. Sie unterstützen die Wildtierforschung, setzen sich für den Tierschutz ein (Rehkitzrettung, Wildunfallprävention, Nachsuche verletzter Wildtiere) oder engagieren sich politisch und praktisch für die Lebensraumvernetzung. Angelvereine helfen, Ufer zu revitalisieren und Fische sowie Flusskrebse bei Hitzewellen in kühlere Gewässer umzusetzen. Naturschutz und Jagd oder Angelsport schliessen sich also nicht aus. Pro Natura arbeitet in manchen Projekten Hand in Hand mit Jagd- und Anglerverbänden, etwa bei der Schutzgebietspflege oder der Erstellung von Teichen und Hecken. 

Pro Natura äussert sich regelmässig zu Anpassungen der Jagd- oder Fischereigesetzgebung. Ihre Interventionen betreffen jedoch selten die eigentliche Ausübung, sondern weitere Themen, die durch die Rechtsgrundlagen geregelt sind – etwa den Umgang mit geschützten Arten wie Biber oder Wolf.

Jäger steht am Rand eines Getreidefeldes und schaut durch sein Fernglas
Jagd und Naturschutz: kein Widerspruch

In der Schweiz sind Jagd und Angeln wichtige Instrumente für den Erhalt der Artenvielfalt und den Schutz natürlicher Lebensräume. Ziel ist es, Wild- und Fischbestände nachhaltig zu nutzen und gleichzeitig das ökologische Gleichgewicht zu bewahren.

Es gibt auch Konfliktpotenzial

Natürlich gibt es auch Konfliktpotenzial zwischen Naturschutz und Jägerinnen oder Anglern: Manche Jäger sehen Beutegreifer wie den Luchs als Konkurrenz und fordern Abschüsse, während Naturschutzorganisationen deren wichtige Rolle im Waldökosystem betonen. Teile der Anglerszene befürworten künstlichen Besatz der Gewässer mit gebietsfremden Arten wie der Regenbogenforelle, was Naturschutzverbände ablehnen. Auch ist die Jagd auf gefährdete Arten wie den Schneehasen umstritten, deren Gefährdungsursachen liegen aber in erster Linie in der Lebensraumzerschneidung und Klimaerwärmung.

Jagd kann in unserer Kulturlandschaft einen Beitrag leisten, um Nutzungsinteressen und Wildtierbedürfnisse auszubalancieren. So reguliert die Jagd beispielsweise die Bestände von Wildschweinen im Kulturland oder Rothirschen in Schutzwäldern. Voraussetzungen für eine zeitgemässe Jagd respektive eine legitime Art des Angelsports nach Ansicht von Pro Natura sind: Anerkennung des Existenzrechts aller heimischen Arten inklusive der Beutegreifer; Erhalt der Bestände und Schutz der Lebensräume; Einhaltung von Schonzeiten und evidenzbasiertes Wildtiermanagement. Wo Jagd der Konfliktlösung dient, müssen Präventionsmassnahmen in Land- und Forstwirtschaft mindestens gleichwertige Bedeutung haben, also zum Beispiel der Schutz von Feldern mittels Zäunen, die Einhaltung eines Mindestabstands zum Wald oder die Beruhigung des Wildtierlebensraumes durch Ausweisung von Wildruhezonen. Erfreulich ist, dass die Mehrheit der jüngeren Jäger- und Anglergeneration diese Haltung mitträgt.

Gemeinsam für die Biodiversität

Die Natur in der Schweiz braucht Verbündete. Wichtig ist, dass sich Jägerinnen, Angler und Naturschützerinnen trotz Differenzen gemeinsam für die Sache derBiodiversität einsetzen – denn in der aktuellen politischen Lage ist die Natur auf breite Unterstützung angewiesen.

SARA WEHRLI, Projektleiterin Grosse Beutegreifer und Jagdpolitik bei Pro Natura

Weiterführende Informationen

Info

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

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