Gewässer

Wasser: Unsere Lebensquelle geht verloren

So schützen wir diese einzigartigen Lebensräume und unsere Lebensgrundlage

Stäubifall Unterschächen UR Samuel Dutler
Die Schweiz, das fragile Wasserschloss Europas, war einst überzogen von einem Netz aus Gewässern und Feuchtgebieten. Ein Paradies für viele Tiere und Pflanzen. Seit Jahrzenten werden die Wasserlebensräume in der Schweiz aber durch massive Verbauungen, Landgewinn und Wasserkraftwerke schwer beeinträchtigt. Pro Natura setzt sich dafür ein, dass unsere Gewässer von der Quelle bis zur Mündung lebendig fliessen können und dazwischen ein Netzwerk aus Weihern und Feuchtgebieten besteht.

Unsere Gewässer sind unter Druck: die Artenvielfalt nimmt ab, die Versorgung mit sauberem Trinkwasser wird immer schwieriger und die Gewässer sind weniger resilient gegen Hitze- und Trockenperioden. Dabei würden wir auf vielfältige Weise davon profitieren, wenn unsere Flüsse und Bäche frei fliessen können und ihre natürliche Dynamik wiederhergestellt wird. Auf dieser Seite finden Sie unsere Positionen zum Lebensraum Wasser, und wie wir ihn schützen können.

In Kürze

  • Wenn Bäche und Flüsse mehr Platz erhalten und ihre natürliche Dynamik zurückkehrt, dient das auch dem Hochwasserschutz. Mehr Raum für Gewässer bedeutet grösseren Rückhalt von Wasser, kleinere Hochwasserspitzen und damit auch weniger Schadenpotenzial in den Gebieten flussabwärts und gleichzeitig mehr Raum für die Natur.
  • Die Schweiz braucht nicht nur lebendige Fliessgewässer, sondern auch ein Netz von Feuchtgebieten. Pro Natura renaturiert Auen und Fliessgewässer, wir werten Feuchtgebiete und Quell-Lebensräume auf und legen neue Tümpel, Teiche oder Feuchtwiesen an.
  • Pro Natura fordert, dass die gesetzlichen Grundlagen zum Schutz der Gewässer, endlich umgesetzt und respektiert werden. Jeder weitere Hitzesommer ist lebensbedrohlich für unsere Gewässer. 
Wo ist unser wildes Wasser geblieben?

In den letzten 200 Jahren legte der Mensch den grössten Teil der feuchten Lebensräume trocken. Die Gewässer wurden massiv verbaut, kanalisiert, um das Wasser möglichst rasch abzuleiten. Feuchtgebiete wurden drainiert, um möglichst viel landwirtschaftliche Nutzfläche zu gewinnen und aus hunderten von Fassungen wird den Gewässern ihr Lebensquell entzogen und der Energiegewinnung zugeführt.

Heute sind Feuchtgebiete meist nur noch isolierte Flecken, klein und inmitten von intensiv genutzten Gebieten. Eingezwängt in Siedlungen, Äcker oder Wiesen fliessen kanalisierte oder begradigte Wasserläufe. Viele kleine Bäche sind längst in unterirdischen Röhren verschwunden, unzugänglich für alle wasserliebenden Tiere und Pflanzen. Künstliche Hindernisse wie Schwellen oder Wasserkraftwerke verhindern die Wanderung der Fische zu ihren Laichplätzen und halten sie davon ab, in Hitzeperioden kühlere, höher gelegene Abschnitte zu erreichen. Lebendige Lebensräume im und am Gewässer fehlen.

Das Gewässerschutzgesetz sieht zwar vor, dass die Kantone Revitalisierungen angehen müssen, dass die Wasserkraft ökologisch saniert werden muss und den Gewässern genügend Raum zugestanden werden muss, um ihre natürlichen Funktionen zu erfüllen. Doch noch ist das Netz der Schweizer Feuchtgebiete und Gewässer äusserst lückenhaft. Biber, Aal oder Wasseramsel vermissen immer noch geeignete Lebensräume wie strukturreiche Ufer, dynamische Auenbereiche oder grössere, zusammenhängende natürlich fliessende Bach- und Flussabschnitte. 

Wie steht es um den Gewässerschutz? Das fordert Pro Natura

Pro Natura fordert, dass die gesetzlichen Grundlagen zum Schutz der Gewässer, endlich umgesetzt, respektiert und dort wo notwendig verbessert werden. Das Gesetz allein reicht aber nicht, wenn der Vollzug verschleppt wird. Das geschah und geschieht leider in vielen Bereichen, in denen sich die Umsetzung geltender Gesetze seit Jahren, teilweise über Jahrzehnte hin verzögert wird. Aktuell sind folgende Beispiele:

  • Mit Frist Ende 2018 hätten die Gewässerräume rechtskräftig ausgeschiden werden müssen. 2023, fünf Jahre nach Ablauf dieser Frist, haben gerade mal 58 % der Schweizer Gemeinden den Gewässerraum behörden- oder eigentümerverbindlich festgelegt. 
  • Bis 2030 müsste die ökologische Sanierung von Wasserkraftwerken betreffend Fischgängigkeit, Schwall und Sunk, sowie Geschiebedurchgängigkeit abgeschlossen sein. Auch hier zeichnet sich ab, dass die Umsetzung deutlich länger dauern wird. Mehr Tempo wäre wünschenswert. Stattdessen werden wohl die Fristen entsprechend angepasst.
  • Mit dem Gegenvorschlag zur Initiative für lebendige Gewässer (2010 zurückgezogen) wurden die Kantone dazu verpflichtet, Revitalisierungplanungen anzugehen und umzusetzen. Damit sollen bis 2090 4000km Fliessgewässer (immerhin ein Viertel aller sanierungsbedürftigen Abschnitte) lebendiger werden. Stand heute, über 15 Jahre später, sind noch keine 300km revitalisiert worden. Eine deutliche Zunahme der Umsetzungsgeschwindigkeit ist nicht in Sicht. Damit ist heute schon zu befürchten, dass bis 2090 nicht viel mehr als die Hälfte der 4000km revitalisiert werden.
  • Obwohl Vorgaben für Schutzzonen im Grundsatz seit den 1970er Jahren gelten, fehlen sie um einzelne Trinkwasserfassungen, sind ungenügend bemessen oder werden nicht durchgesetzt. Auch die seit 1998 vorgeschriebenen Zuströmbereiche für belastete oder konkret gefährdete Fassungen haben die Kantone nur in Einzelfällen bezeichnet. Das BAFU schätzte 2018, dass 1 Mio. Menschen in der Schweiz aus Trinkwasserfassungen versorgt werden, deren Grundwasserschutzzonen nicht den gesetzlichen Vorgaben entsprechen.  
    Quelle: GPK Bericht 2022

Jeder weitere Hitzesommer ist eine lebensbedrohliche Situation für unsere Gewässer. Und je stärker die Gewässer beeinträchtigt sind, desto bedrohlicher sind die Auswirkungen der Klimakrise. Bund, Kantone und Gemeinden müssen beim Schutz unser Gewässer, insbesondere auch dem Wasserrückhalt in der Landschaft endlich ihre Verantwortung wahrnehmen. 

Ile des Oiseaux in Preverenges Raphael Weber

Unsere Projekte für lebendige Gewässer

Pro Natura setzt sich in ihren Naturschutzgebieten und mit praktischen Projekten für lebendige Gewässer ein:

  • Seit 20 Jahren fördern wir mit zahlreichen Projekten schweizweit den Lebensraum des Bibers. Dies auch mit Hilfe des Baumeisters Biber selbst. Er schafft mit seinen Stau- und Grabarbeiten besonders vielfältige Lebensräume. Davon profitieren viele andere Arten, wie z.B. der Eisvogel, Libellen, der Sanddorn oder das Weidenröschen. Biberteiche oder gestauten Bereichen halten das Wasser auch in Trockenphasen länger zurück. 
    Mehr über den Biber erfahren
  • Wir fördern Feuchtgebiete wie Weiher, temporäre Tümpel oder Feuchtwiesen. Diese bieten nicht nur Libellen oder Amphibien wertvollen Lebensraum, sondern sind auch wichtige Vernetzungselemente in der Landschaft.  
  • Unser Ziel ist ein gross angelegtes, gut vernetztes Gewässermosaik, wir möchten:
    • eine bessere Vernetzung zwischen den verschiedenen Gewässerlebensräumen,
    • mehr Raum für unsere Gewässer,
    • und vielfältige Gewässer und Feuchtlebensräume für Tiere und Pflanzen. 

Entdecken Sie unsere Projekte für vielfältige Gewässer: 

Was bedroht unsere Gewässer?

Fliessgewässer: wenig Raum und «unter Strom»

Pro Natura setzt sich nicht nur mit eigenen Aufwertungsprojekten, sondern auch auf politscher Ebene für naturnahe und artenreiche Fliessgewässer ein. Denn das Ökosystem der Flüsse und Bäche ist auch heute noch durch neue Bauprojekte und Nutzungen bedroht. Dabei spielen immer wieder Projekte für Wasserkraftwerke die Hauptrolle. Kaum ein Tropfen Wasser fliesst in der Schweiz heute nicht durch eine Turbine. Und dennoch wir der Ausbau der Wasserkraft weiter forciert. 
Erfahren Sie mehr über Restwasser

In ihren engen, betonierten Korsetts können Fliessgewässer ihre biologischen Funktionen nicht wahrnehmen. Wenn Bäche und Flüsse mehr Platz erhalten, ist das nicht nur eine Frage des Naturschutzes: Den Gewässern genügend Raum zuzugestehen dient auch dem Hochwasserschutz. Mehr Raum für Gewässer bedeutet mehr Rückhalt von Wasser, kleinere Hochwasserspitzen und damit auch weniger Schadenpotenzial in den Gebieten flussabwärts. 

Quellen: vielfältige Nutzungsinteresse bei Quellen

Viele Quellen und Quelllebensräume sind aus unserer Landschaft verschwunden. Ein grosser Teil der Quellen sind zur Trinkwassernutzung und im Berggebiet auch zur Wasserkraftnutzung in Rohre gefasst und umgeleitet.  

Nur 10% der Quellen sind nicht beeinträchtigt. Sie sind aber wie alle anderen Quellen von verschiedenen Nutzungsinteressen bedroht:

  • Wasserkraftnutzung: Besonders in Berggebieten werden mitunter Quellen für Wasserkraft angezapft oder umgeleitet. Das reduziert den natürlichen Abfluss und zerstört Quellökosysteme.
  • Trinkwassergewinnung: Manche Gemeinden oder private Betriebe nutzen Quellen intensiv, ohne dass Restwassermengen für die Ökologie bleiben.
  • Intensive Landwirtschaft: Das Land in Quellbereichen wird oft intensiv bewirtschaftet – Düngung, Pestizide belasten das Grundwasser und damit auch Quellen. Schutzgebiete werden nicht konsequent durchgesetzt.

Auch die Klimakrise setzt den Quellen zu. Trockenperioden führen zu mehr Druck auf Quellen. Trinkwasser und Landwirtschaft konkurrieren um die gleichen Ressourcen. Pro Natura setzt sich in verschiedenen Kantonen für Quellen ein und wertet diese auf. Eine Auswahl der Projekte finden Sie hier.   

Seen: künstlich beatmet um zu überleben

Die natürliche Dynamik ist an den meisten grösseren Seen in der Schweiz längst verschwunden. Von den Seen mit einer Fläche von mehr als 20 km2 sind nur der Bodensee und der Walensee nicht künstlich reguliert. Entsprechend sind natürliche Uferzonen selten. Gerade mal 40% von knapp 1500 km untersuchten Seeufer (BAFU. 2026)  sind in einem guten ökomorphologischen Zustand. Die restlichen 60% sind deutlich beeinträchtigt.  

Viele Seen leiden ausserdem an massiven Nährstoffeinträgen aus der Landwirtschaft und drohen seit Jahrzehnten zu ersticken. Wussten Sie, dass seit über 40 Jahren Seen künstlich belüftet werden? Nur so konnte das Ökosystem des Baldeggersees, des Hallwilersees und des Sempachersees stabilisiert werden. Ohne die andauernde Belüftung wären diese Seen durch Sauerstoffmangel gekippt und zu einer Gefahr für Natur und Mensch geworden.

Und obwohl diese Notfallmassnahmen der künstlichen Seebelüftung nun seit über 40 Jahren laufen, bleiben die Nährstoffeinträge der Landwirtschaft in unsere Seen immer noch zu hoch. 

Weiher, Tümpel: Feuchtstandorte für Amphibien

Weiher und zeitweise austrocknende Tümpel sind ein wichtiger Lebensraum für viele Libellen und einheimische Amphibienarten insbesondere während der Fortpflanzung und der Entwicklung der Kaulquappen. Indem temporäre Kleingewässer wie Tümpel oder Pfützen, jährlich oder zumindest alle paar Jahre trockenfallen besteht dort ein geringerer Konkurrenzdruck zwischen den Arten. Neben dem Wasserlebensraum brauchen alle Amphibienarten auch Landlebensraum, deshalb ist ein flaches Ufer mit angrenzendem, strukturreichem Bereich mit Versteck- und Überwinterungsmöglichkeiten für die Amphibien wichtig. Dies können z.B. Steinhaufen, Holzstrünke oder auch Krautsäume sein. Idealerweise ist auch der nächste Weiher oder Tümpelstandort in Wanderdistanz für die Amphibien.

Pro Natura setzt sich für ein Netz von unterschiedlichen kleinen und grösseren Stehgewässern, wie auch einer strukturreichen Umgebung an diesen Gewässern, ein. Sie wertet bestehende Weiher oder Tümpel auf, und legt neue temporäre Gewässer an. Diese Feuchtstandorte sind ein grosser Mehrwert für Natur. 

Sommerliche Hitzeperioden

Hohe Temperaturen und Trockenheit stellen Gewässerlebewesen vor neue grosse Herausforderungen. Insbesondere für kälteliebende Arten wie Forellen oder Äschen können sie lebensbedrohlich sein. Andere Arten verlieren ihren Lebensraum gänzlich, wenn Bäche oder Flüsse austrocken. Deshalb ist es wichtig den Wasserrückhalt in der Landschaft zukünftig noch stärker in den Fokus zu rücken und zu verbessern.

Erdkröte Lorenz Heer