In Kürze:
- Mehr als die Hälfte aller Pflanzenarten in der Schweiz leben in artenreichen Wiesen und Weiden. Sie sind Lebensgrundlage für zahlreiche Tierarten.
- In den letzten Jahrzehnten sind 90% der artenreichen Blumenwiesen verschwunden.
- Pro Natura fordert den Schutz und die Aufwertung von artenreichen Wiesen und Weiden und schützt diese auch in den eigenen Schutzgebieten.
Lange vor dem menschlichen Einfluss wurden offene und halboffene Lebensräume durch grosse Wildtiere wie Wisent, Auerochse oder Rothirsch geschaffen. Vor ca. 6‘000 Jahren begann der Mensch, die Landschaft mitzugestalten, wodurch die unbewaldete Fläche grösser wurde und sogenannte Grossherbivoren grösstenteils durch Nutztiere ersetzt wurden. Wiesen und Weiden, wie wir sie heute kennen, sind also durch jahrhundertelange Bewirtschaftung entstanden. Über die Zeit hat sich auf diesen Flächen ein einzigartiges Beziehungsnetz zwischen Boden, Pflanzen und Tieren entwickelt.
Heute wachsen auf einem Fünftel unserer Landesfläche Wiesen und Weiden. Sie prägen das Bild der Schweiz. Kein anderer Lebensraum birgt in der ursprünglichen Form so viel Artenvielfalt pro Quadratmeter. Ohne landwirtschaftliche Nutzung würden Wiesen und Weiden zu Wald werden oder verganden. Auch bei zu intensiver Nutzung leidet die Biodiversität und die Wiesen und Weiden entwickeln sich zu artenarmen, eintönigen Grasteppichen.
Es gibt viele verschiedene Wiesen- und Weidetypen: z.B. Farbenfrohe Fromentalwiesen, Pfeiffengraswiesen oder Trocken- und Feuchtwiesen, aber auch Magerweiden, Waldweiden oder Alpweiden. Fachleute unterscheiden mindestens 30 Ausprägungen mit zahlreichen spezialisierten Tierarten.
Wiese oder Weide? Wiesen werden gemäht, auf Weiden fressen Tiere. Bei beiden Flächen handelt es sich um bewirtschaftete Flächen. Bei Alpweiden helfen Wildtiere wie Steinbock und Gämse mit, wenn sie in genügender Anzahl vorkommen.
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Lorenz Fischer
- Blumenwiese Ftan GR
Warum sind artenreiche Wiesen und Weiden bedroht?
Es gibt verschiedene Gründe, die zum starken Rückgang artenreicher Wiesen und Weiden geführt haben. Die wichtigsten sind:
- Landverbrauch: der Siedlungsraum dehnt sich aus und benötigt mehr Infrastruktur
- Intensive Landwirtschaft
- Die Aufgabe, die Berggebiete zu nutzen.
Um mehr Ertrag zu erzielen, setzt die Landwirtschaft Dünger ein. So können die Flächen früher im Jahr und häufiger genutzt werden. Allerdings bewirkt Dünger, dass sich konkurrenzstarke Gräser durchsetzen. Rasch wachsende Arten, die an nährstoffreiche Böden und einen häufigen Schnitt angepasst sind, dominieren dann die Wiesen. Die konkurrenzschwächeren Pflanzenarten der artenreichen Blumenwiesen, die darauf angewiesen sind, dass sie sich versamen können, verlieren ihren Platz auf der Wiese. Die Flächen gleichen dann einem einheitlich grünen Teppich.
Auch Erntemaschinen können einen grossen, negativen Einfluss auf die Artenvielfalt haben – vor allem auf die Kleintiere. Mit den heute häufig eingesetzten Maschinen zur Mahd werden beispielsweise mehr als 80 % der Heuschrecken getötet.
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Lorenz Fischer
- Blumenwiese in Ftan GR
Was macht Pro Natura für artenreiche Wiesen?
In der politischen Arbeit fordern wir eine Reduktion der Nährstoffüberschüsse welche direkt die Biodiversität in den Wiesen und Weiden schmälert sowie Schutz und Aufwertung von artenreichen Wiesen.
Pro Natura packt auch selbst an: Viele Pro Natura Naturschutzgebiete beherbergen prächtige, artenreiche Blumenwiesen. Praktische Projekte wie Regio Flora und ProBiotop, angestossen von Pro Natura, erhalten und fördern den Artenreichtum auf gefährdeten Wiesenflächen, indem sie beispielsweise unbewirtschaftete Flächen entbuschen und wieder für die Landwirtschaft nutzbar machen.
Unsere Projekte für artenreiche Wiesen und Weiden:
Weshalb sind artenreiche Wiesen so wichtig?
Artenreiche Wiesen bringen uns auf verschiedenen Ebenen einen Mehrwert:
- Futterproduktion: Gräser und Kräuter sind der Hauptbestandteil der Ernährung für «unsere» Milchkühe.
- Hochwasserschutz: Dank angrenzenden Wiesen und Weiden wird bei Hochwasserereignissen das Wasser versickern, hat mehr Platz und fliesst deshalb langsamer
- Bodenerosion: Wiesen und Weiden halten die Erde fest. Die Pflanzendecke bremst den Regen ab, Grasreste und Bodelebewesen machen den Boden stabil und saugfähig.
- Klimaschutz und Sauerstoffproduktion: Wie alle Arten von Vegetation lagern die Pflanzen der Wiesen und Weiden beim Vorgang der Photosynthese CO2 ein und geben Sauerstoff ab.
- Trinkwasserschutz: Der Boden unter Wiesen hält Schmutz und Keime zurück. Die Wurzeln und Kleinstlebewesen reinigen das Wasser, bevor es tief in die Erde versickert und unsere Trinkwasserspeicher auffüllt.
- Artenreservoir: Auf Wiesen und Weiden wachsen mehr als die Hälfte aller Arten, die in der Schweiz vorkommen. Sie bieten nicht nur vielen grossen und kleinen Tieren Lebensraum und Nahrung, sondern bedeuten auch für den Menschen Lebensqualität.
In 10-jähriger Arbeit wurden in allen Kantonen die besonders wertvollen Trockenwiesen und -weiden kartiert. Die knapp 4‘000 inventarisierten Objekte von nationaler Bedeutung umfassen ungefähr 0,7 % der Landesfläche. Das TWW-Inventar ist neben den bestehenden Biotopinventaren über die Hoch- und Übergangsmoore, Flachmoore, Amphibienlaichgebiete und Auengebiete vorläufig das letzte Inventar dieser Art. Sie sind gesetzlich geschützt und müssen gemäss Verordnung ungeschmälert erhalten bleiben. Pro Natura verlangt einen konsequenten Vollzug der 2010 vom Bund erlassenen Verordnung, was bedeutet, dass die Flächen nicht an Qualität (bzw. Artenvielfalt) verlieren dürfen.
In der politischen Arbeit fordern wir Schutz und Aufwertung von artenreichen Wiesen und Weiden. Das betrifft vor allem jene Flächen, die nicht bereits gesetzlich geschützt sind. Konkret geht es um landwirtschaftlich genutzte Flächen, öffentliche Grünflächen im Siedlungsraum wie Pärke, Bahn- und Strassenböschungen oder auch private Gärten.
Im praktischen Naturschutz gibt es verschiedene bewährte Massnahmen. Ziegen eignen sich zum Beispiel hervorragend für die Pflege verbuschter Flächen. Sie sind Feinschmecker und fressen – im Gegensatz zu Rindern – auch Büsche und knabbern gerne deren Rinde ab. Der Aufwand der Beweidung mit Ziegen im Sömmerungsgebiet ist jedoch oft nicht kostendeckend. Auf abgelegenen Flächen im Berggebiet, die schlecht zu erreichen sind, ist schon das Zäunen sehr anspruchsvoll und so ist es für Landwirte nicht interessant, neue Projekte mit Ziegen zu starten. Bereits bestehende Projekte werden aufgrund des hohen Arbeitsaufwands teilweise aufgegeben. Gerade an solchen abgelegenen Orten liegen jedoch oft die wertvollsten Flächen, die Pro Natura dringend schützen will. Wir fordern daher eine neue Beitragskategorie in der DZV (Verordnung über die Direktzahlungen an die Landwirtschaft), die spezifisch Projekte abgeltet, wo mit Kleinwiederkäuern ökologisch wertvolle Flächen entbuscht und aufgewertet werden.
Viele Wiesen, Weiden und Alpen in der Schweiz eignen sich wegen Lage, Klima oder Gelände nicht oder nur schlecht für Ackerbau. Deshalb haben Wiederkäuer wie Kühe, Schafe und Ziegen die Schweizer Kultur und Landschaft über lange Zeit mitgeprägt, denn sie können Gras verwerten, das wir Menschen nicht essen können. So können sie zur Pflege offener Landschaften beitragen, aus Grünland Lebensmittel erzeugen und die Bodenfruchtbarkeit positiv beeinflussen.
Entscheidend ist aber, wie viele und welche Tierarten und -rassen gehalten werden und wie sie gefüttert werden. Aktuell haben wir in der Schweiz mehr Tiere, als mit den vorhandenen Flächen standortgerecht ernährt werden können. Viele Nutztiere ernähren sich nicht nur von Gras, sondern von Kraftfutter, welches auf wertvollen Ackerflächen angebaut wird, obwohl dort auch Lebensmittel für Menschen wachsen könnten. Obwohl wir viele natürliche Grasflächen haben, werden aktuell 60% der Ackerflächen genutzt, um Futter für Tiere herstellen zu können. Zu viele Tiere bedeuten zu viel Gülle, zu hohe Nährstoffeinträge und damit weniger Artenvielfalt.
Die Intensivierung der Milch- und Fleischproduktion verändert zudem das Zusammenspiel zwischen Tal und Alp. Traditionell wurden Tiere im Sommer auf die Alpen gebracht, wo sie Gras fressen konnten, welches sonst kaum nutzbar war, damit im Tal Heu und andere Futterreserven für den Winter wachsen konnten. Talbetrieb und Alp bildeten ein zusammenhängendes System. Heutzutage werden Tiere oft auf möglichst hohe Milch- oder Fleischleistung gezüchtet und sind dafür angewiesen auf Mais und Kraftfutter. Diese ‘Hochleistungs-Kühe’ können auf extensiven Alpweiden nicht genügend Nährstoffe aufnehmen, weil sie zu viel Futter benötigen, bzw. die dort vorkommenden Pflanzen nicht gut verdauen/verwerten können, oder sich durch ihre Grösse in dem steilen Gelände nicht mehr genügend agil bewegen können.
Sinnvoll ist deshalb eine graslandbasierte Haltung mit möglichst wenig Kraftfutter, möglichst wenig Importfutter und Tierbeständen, die zur Fläche passen. Wiesen, Weiden, Hecken, Säume und extensive Alpflächen brauchen genügend Raum und eine schonende Nutzung. Nicht jede grüne Fläche ist automatisch gut für die Natur, und nicht jede Tierhaltung ist standortgerecht, auch wenn die Schweiz ein Grasland ist.
Unsere Ernährung spielt da eine zentrale Rolle. Mehr pflanzliche Lebensmittel und Proteine in den Speiseplan einzubauen, ist aus verschiedenen Gründen sinnvoll. Eine ausgewogene Ernährung mit vielfältigen pflanzlichen Lebensmitteln ist nicht nur gesund, sondern entlastet auch Klima, Böden und Biodiversität. Wenn wir weniger tierische Produkte essen und bewusst wählen, woher sie stammen, entsteht mehr Raum für eine Landwirtschaft, die Tiere respektiert, Ressourcen schont und artenreiche Wiesen und Weiden erhält.
- Auf einer artenreichen Wiese finden Sie 20-40 Pflanzenarten pro Quadratmeter, auf einer artenarmen sind es meist weniger als 10 Arten.
- Eine wertvolle, artenreiche Wiese wirkt oft strukturreich: Zwischen Gräsern wachsen viele verschiedene Kräuter und Blütenpflanzen, in unterschiedlichen Wuchshöhen.
- Eine artenreiche Wiese wird von vielen Insekten besucht und bietet verschiedenen Tieren Nahrung und Unterschlupf.
- Im Vergleich zu extensiv genutzten, artenreichen Wiesen erkennt man artenarme Wiesen durch häufige Mähnutzung, einen dichten, üppigen Wuchs und wenig unterschiedliche Blütenfarben. Allerdings gibt es auch standortbedingt artenarme Wiesen, z.B. schattige Waldrandwiesen.
Ob eine Wiese farbenfroh und artenreich ist oder grün und eintönig, hängt hauptsächlich von zwei Faktoren ab: Dem Standort (Boden und Klima) und der Bewirtschaftung. Klima und Boden geben die mögliche Artenvielfalt vor. Ob dieses Potential realisiert wird, hängt von der Funktion und der damit verbundenen Art der Bewirtschaftung der Wiese ab. Durch die Intensivierung der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten kommen die artenreichen Wiesen immer stärker unter Druck und verschwinden fast gänzlich.
Blumenwiesen gestern und heute
Auf dem Bild links eine üppig blühende Fromentalwiese im Frühjahr mit Roter Waldnelke und Scharfem Hahnenfuss – beide Zeiger einer bereits begonnenen Intensivierung (© Graphische Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek / Willy Burkhardt). Rechts ist dieselbe Fläche nach dem zweiten Schnitt zu sehen – eine reine Fettwiese mit Weiss-Klee, Raygräsern und Wiesen-Bärenklau (© Pro Natura / Nathalie Reveney).