Landwirtschaft

Mit agrarökologischer Landwirtschaft in eine Ernährung mit Zukunft

Pro Natura engagiert sich

Heckenrosen am Rand der Gemüsekulturen in Iffwil BE Matthias Sorg
Dünger, Pestizide, schwere Maschinen, biodiversitätsschädigende Subventionen, sowie unser Hunger nach Fleisch, Milch, Ei und Co. verursachen massive Umweltprobleme. Ein umweltverträgliches Ernährungssystem ist entscheidend, um die Klima- und die Biodiversitätskrise abzuwenden. Die Sektoren Land- und Ernährungswirtschaft spielen dabei eine tragende Rolle. Pro Natura setzt sich auf politischer und praktischer Ebene für eine agrarökologische Landwirtschaft und ein zukunftsfähiges Ernährungssystem ein.

In Kürze

  • Ein nachhaltiges Ernährungssystem umfasst Produktion, Verarbeitung, Handel und Konsum. Es muss ressourcenschonend, krisenfest und sozial gerecht sein.
  • Die intensive Landwirtschaft mit viel Dünger, Pestiziden, schweren Maschinen und nicht zielgerichteten Beiträgen schadet Klima, Biodiversität und Böden.
  • Versteckte Kosten des Schweizer Ernährungssystems belasten die Gesellschaft (Gesundheit, Klima, Ammoniak, Biodiversitätsverlust). Haupttreiber ist die intensive Tierhaltung und das dafür importierte Kraftfutter.
  • Pro Natura fordert: mehr Biodiversität auf den Feldern, weniger Dünger und Pestizide, standortangepasste Tierhaltung, Abschaffung biodiversitätsschädigender Subventionen sowie Förderung pflanzenbasierter Ernährung.

Was ist ein Ernährungssystem?

Das Ernährungssystem umfasst alles, was mit der Lebensmittelproduktion, Lebensmittelverarbeitung, dem Handel und dem Konsum zusammenhängt. Vom Saatgut zur die Futtermittelproduktion, über den Anbau, die Ernte, den Transport, die Verarbeitung und den Verkauf der Produkte bis hin zu den Essensresten auf unseren Tellern. Ein nachhaltiges Ernährungssystem funktioniert ressourcenschonend, ist krisenfest und fair auf allen Stufen.

 

Ilustration Ernährungssystem als Kreislauf Fesenfeld et al. (2023) / Telek
Illustration Ernährungssystem

Die Landwirtschaft, ein Schlüsselfaktor in der Biodiversitätskrise

Ohne dass wir unser Ernährungssystem umstellen, können wir die negativen Auswirkungen der Landwirtschaft auf Mensch und Umwelt nicht reduzieren.

  • Die intensive Bewirtschaftung unserer Landwirtschaftsflächen zerstört die Biodiversität und treibt das Artensterben voran.
  • Im Kampf gegen nicht erwünschte Pflanzen, Insekten und Pilze werden Pestizide verwendet, welche die Lebewesen in unseren Gewässern und Böden belasten.
  • Fragwürdige Anreize in der Ausgestaltung der staatlichen Beiträge führen zu einer überdimensionierten Nutztierhaltung in der Schweiz. Um die Tierbestände zu füttern, importieren wir jährlich immer mehr Kraftfutter. Dies führt zu Nährstoffüberschüssen und umweltschädlichen Ammoniakemissionen.
  • Durch den Einsatz schwerer Maschinen werden unsere Böden verdichtet. Das Wasser versickert weniger gut und führt bei starkem Regen zu Überschwemmungen und Abtragung des Bodens. Ohne den fruchtbaren Hummus wird es für kommende Generationen schwierig Nahrungsmittel zu produzieren.
  • Bisher landet ein Drittel der in der Schweiz produzierten Nahrungsmittel im Abfall.

Versteckte Kosten unseres Ernährungssystems

Gesundheitskosten
Umweltemissionen*
Biodiversität

 * (Treibhausgasemissionen 3100 Millionen CHF & Ammoniakemissionen 2900 Millioen CHF)

Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) hat im Rahmen einer globalen FAO-Studie die versteckten Kosten des Schweizer Ernährungssystems analysiert.

Versteckte oder externe Kosten sind jene Aufwendungen, die nicht direkt in den Preisen von Lebensmitteln und Produkten enthalten sind, welche aber die gesamte Gesellschaft bezahlt.

  • Unser hoher Konsum von tierischen Produkten (Milch, Fleisch, Eier), hochverarbeitete Lebensmittel sowie zu viel Salz und Zucker verursachen jedes Jahr enorme versteckte Gesundheitskosten. Diese entstehen vor allem durch Krankheitsausfälle wegen Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
  • Die Umweltbelastungen sind schwer zu berechnen. In ihrer Studie kommen die FiBL-Forschenden aber zum Schluss, dass pro Jahr durch Treibhausgas- und Ammoniakemissionen über 6 Milliarden Franken an versteckten Umweltkosten aus dem Schweizer Ernährungssystem resultieren. Dabei ist der Hauptreiber dieser Kosten die Tierhaltung.
  • Die Kosten für den Verlust von Biodiversität wird auf etwa 7,5 Milliarden Franken jährlich geschätzt.

Hier geht’s zur Studie

Glockenblumen-Scherenbiene in frühen Morgen in einer Glockenblume
«Die Biodiversität ist der Grundstein für eine ökologisch nachhaltige Landwirtschaft»

– Marcel Liner, Leiter Landwirtschaftspolitik bei Pro Natura

Um den dringend notwendigen Wandel zu einem nachhaltigen Ernährungssystem voranzutreiben, sieht Pro Natura in verschiedenen Bereichen Handlungsbedarf:

  • Oft verhindern wirtschaftliche Interessen konkrete ökologische Verbesserungen. Denn mit dem Verkauf von noch mehr Dünger, Pestiziden und Maschinen wird viel Geld verdient.
  • Importierte Futtermittel und Mineraldünger führen zu Nährstoffüberschüssen in unseren Gewässern und damit zu teuren Sanierungsmassnahmen von Schweizer Seen.
  • Die einseitige, staatlich mitfinanzierte Werbung von Lobbygruppen aus Fleisch- und Milchbranche, fördert gesundheitsschädigenden Konsum.
  • Subventionen, die der Biodiversität schaden, stehen dem Prinzip einer ökologisch nachhaltigen Land- und Ernährungswirtschaft entgegen.
  • Mehr zu den biodiversitätsschädigenden Subventionen finden Sie in diesem Grundlagenbericht der WSL.

Die Lösungen sind da

Wir wissen, dass die Biodiversität der Grundstein für eine ökologisch nachhaltige Landwirtschaft ist. Nur mit Biodiversitätsförderung auf den Feldern, weniger Dünger- und Pestizideinsatz sowie angepassten Maschinen bleiben unsere Böden fruchtbar. Die ökologische Landwirtschaft mit vielen verschiedenen Pflanzen ist langfristig produktiver. Eine Ende 2025 veröffentlichte Studie zeigt auf, dass mit einfachen Massnahmen die Ernährungssicherheit gestärkt werden kann und damit gleichzeitig die Umweltauswirkungen der Schweizer Landwirtschaft minimiert wird.  
Zur Studie

Pro Natura unterstützt die Lösungsvorschläge des wissenschaftlichen Gremiums Ernährungszukunft Schweiz. Über vierzig Forscherinnen und Forscher haben gemeinsam einen praxistauglichen, sozialverträglichen und biodiversitätsfreundlichen Handlungspfad für die Transformation des Ernährungssystems entwickelt.
Zum Bericht

Wir setzen uns für Änderungen ein

Pro Natura engagiert sich auf verschiedenen Ebenen für einen Wandel hin zu einer ökologischen Landwirtschaft. Im praktischen Naturschutz wird die Biodiversität im Kulturland mit gezielten nationalen und regionalen Projekten gefördert.

Pro Natura engagiert sich seit Jahrzehnten in der Agrarpolitik und setzt sich für eine agrarökologische Land- und Ernährungswirtschaft ein. Mit der Studie «Generationenwechsel» zeigt Pro Natura zudem, wie die Transformation der Landwirtschaft ohne negative soziale Folgen für die Bäuerinnen und Bauern sowie für die angegliederte Industrie umgesetzt werden kann.

Wir beteiligen uns in verschiedenen Organisationen für einen Wandel in der Landwirtschaft:

Vision 3-Seen-Land 2050

Visualisierung Aare wie sie frei fliessen könnte Isabelle Bühler

Mit der «Vision 3-Seen-Land 2050» zeichnen wir zusammen mit vier weiteren Umweltorganisationen ein hoffnungsvolles Bild der landschaftlichen und landwirtschaftlichen Entwicklung in der Region am Jurasüdfuss. Wir skizzieren den Weg zu einer standortangepassten Bewirtschaftung, welche die Ansprüche der Landwirtschaft mit der Entwicklung neuer Naturräume, dem Schutz der Biodiversität und einer sinnvollen touristischen Nutzung verbindet. Zur Website «Vision 3-Seen-Land 2050».

Unsere Haltung und unser Engagement im Bereich Landwirtschaft und Ernährung

Politik: Die Agrarlobby verhindert den Fortschritt

Unsere Kritik richtet sich nicht gegen die Arbeit der Landwirt:innen. Sie richtet sich gegen die Agrarlobby, welche seit über 20 Jahren den Wandel zu einer ökologischen Landwirtschaft behindert. Im Prozess zur Ausgestaltung der Agrarpolitik 2030+ (AP2030+) verhindert die Agrarlobby Schritte zur Erreichung der Umweltziele in der Landwirtschaft. Denn die Reduktion von Tierbeständen oder die Einführung von Lenkungsabgaben auf Kraftfutter und Pestiziden gefährdet das Geschäftsmodell der Agrarindustrie und deren Lobbyorganisationen. Sie setzen deshalb alles daran, die von den Bundesämtern vorgeschlagenen Absenkpfade für Nährstoffe und Pestizide abzuschwächen.

Pro Natura ist Mitglied der Agrar- und Umweltallianz und engagiert sich zusammen mit weiteren Verbänden für eine agrarökologische Landwirtschaft und einem Abbau der biodiversitätsschädigenden Subventionen.

Biodiversitätsförderflächen: Auf die Qualität kommt es an

Landwirt:innen müssen Biodiversitätsförderflächen (BFF) anlegen und pflegen, um Direktzahlungen zu beziehen. Mit diesen Flächen soll die pflanzliche und tierische Vielfalt gefördert werden. Dies ist wichtig, da heute mindestens 40% der in der Schweiz vorkommenden Tier- und Pflanzenarten gefährdet sind und die gefährdetsten Arten in mageren Wiesen und Weiden sowie in Auen und Mooren leben. Diese Flächen könnten bei richtiger Pflege und Lage zu einem vielfältigen Ökosystem beitragen. Die wichtigsten Funktionen der BFF sind: 

  • Artenvielfalt erhöhen und Lebensräume der Natur vernetzen
  • Trinkwasser reinigen
  • Bodenfruchtbarkeit erhalten
  • Bestäubung sicherstellen und Schädlingspopulationen regulieren

Heute sind rund 18 % der Landwirtschaftsfläche BFF. Das klingt nach viel, ist aber weniger als es scheint. Denn auf etwa 90 % dieser Flächen läuft parallel eine normale landwirtschaftliche Produktion. Die meisten Biodiversitätsförderflächen sind explizit auf eine Nutzung, wie eine Beweidung oder Mahd, angewiesen. Nur ein kleiner Anteil soll ungestört der Natur überlassen werden. Ein weiteres Problem: Die meisten dieser Flächen liegen im Berggebiet. Im intensiv genutzten Tal- und Hügelgebiet gibt es viel weniger Flächen – genau dort aber, wo der Schutz der Biodiversität am schwierigsten und deshalb am wichtigsten ist.

Ernährungssicherheit: Nahrungsmittel anstatt Futter produzieren

Für Pro Natura ist klar: Ohne Biodiversität keine nachhaltige Landwirtschaft. Für Ernährungssicherheit in der Schweiz müssen die vier folgenden Punkte erfüllt werden:

  1. Verfügbarkeit von Lebensmitteln: Wenn wir auf unseren Ackerböden Nahrung für Menschen anstatt für Tiere anbauen, können wir viel mehr Menschen ernähren. Futtergetreide und Mais gelangen nur über die Verfütterung an Tiere zu uns. Dieser Umweg über die Tiere ist ineffizient.
  2. Verwendung von Lebensmitteln: Nach wie vor schaffen 30 % aller Lebensmittel in der Schweiz den Weg in unsere Bäuche nicht. Wir fordern eine Anpassung im Handel durch die Lockerung der Verkaufsbestimmungen in Bezug auf Form, Grösse und Farbe der landwirtschaftlichen Produkte. Lebensmittelverschwendung muss vermieden werden.
  3. Zugang zu Lebensmitteln: Gesunde, nachhaltig produzierte Lebensmittel sind oft deutlich teurer als Discounterware. Wenn wir die Ernährungssicherheit ernst nehmen, müssen sich alle Menschen in der Schweiz gesunde Produkte leisten können.
  4. Stabilität der Versorgung: Durch die starken Anreize zur tierischen Produktion ist die Schweizer Landwirtschaft in hohem Masse abhängig von importierten Futtermitteln. Wir kaufen vor allem von Frankreich und Deutschland. Diese wiederum importieren ihre Futtermittel aus Südamerika. Die massiven globalen Versorgungsketten machen uns geopolitisch, ökologisch und wirtschaftlich verletzlich.

Pro Natura setzt sich für eine Transformation des gesamten Ernährungssystems ein. Dazu sollen Konsumierende auf eine ausgewogene pflanzliche Ernährung sensibilisiert und die Subventionen für Fleischproduktion und deren Absatzförderung abgeschafft werden. 

Gentechnik: Für eine Landwirtschaft ohne Gentechnik

Seit Jahrtausenden züchten Landwirt:innen standortgerechte Sorten. Dabei setzt die Natur Grenzen. Mit der Gentechnologie kann der Mensch diese Grenzen überwinden und tief in das Genom eingreifen. Gentechnik in der Landwirtschaft fördert durch Patente die Abhängigkeit von grossen Konzernen  und die hoch-industrielle Landwirtschaft. 

Gegenwärtig wird verstärkt über die kommerzielle Nutzung von neuen gentechnischen Verfahren bei der Züchtung von Pflanzen und Tieren diskutiert. Dabei handelt es sich um verschiedene Verfahren, wie beispielsweise die ZFN-, TALEN- oder CRISPR/Cas9-Technik, bei denen Gen-Scheren zum Einsatz kommen oder direkte Eingriffe in die Genregulierung vorgenommen werden. Pro Natura fordert eine Weiterführung des Moratoriums auch für diese neuen gentechnischen Verfahren im Rahmen des Gentechnikgesetzes. Pro Natura ist Trägerorganisation der Schweizer Allianz Gentechfrei SAG.

Standortangepasste Produktionssysteme – Übermässige Futterimporte stoppen

In der Schweiz gilt das Prinzip der standortangepassten Landwirtschaft. Laut Bundesamt für Landwirtschaft soll die Landwirtschaft das wirtschaftliche Potenzial eines Standorts nutzen, ohne die Belastungsgrenzen der Ökosysteme zu überschreiten. Dies bedeutet: Tierarten und Tierbestände müssen zum regional verfügbaren Futter passen.

Traditionell ist die Schweizer Landwirtschaft vom Grünland geprägt. Dank der Alpen verfügen wir über viel Grasland, das sich besonders für die Haltung von Wiederkäuern eignet. Doch dieses Prinzip gerät zunehmend unter Druck. In der Rindviehhaltung nimmt der Einsatz von Kraftfutter immer mehr zu, obwohl Wiederkäuer problemlos mit Gras ernährt werden könnten. Die überschüssigen Nährstoffe aus den Futtermitteln gelangen über Gülle und Mist in die Umwelt. Seen werden überdüngt, das Grundwasser wird mit Nitrat belastet und Wälder leiden unter Stickstoffeinträgen aus der Luft.

Obwohl die Schweiz bereits über die Hälfte ihrer fruchtbaren Ackerflächen für die Futtermittelproduktion nutzt, steigen die Futtermittelimporte weiter an. Vor allem die Geflügelproduktion wächst seit Jahren stark. Da Geflügel kein Gras frisst, müssen heute 78 % des Geflügelfutters importiert werden. Damit wächst auch der Flächenbedarf im Ausland und so ist ein Grossteil der Tierproduktion von globalen Lieferketten abhängig. Umweltprobleme wie Entwaldung, Pestizideinsatz und Treibhausgasemissionen werden ins Ausland verlagert, während die Nährstoffüberschüsse in der Schweiz verbleiben.

Pro Natura fordert deshalb eine Rückbesinnung auf die standortangepasste Landwirtschaft: Tierhaltung muss sich wieder am heimischen Futterangebot orientieren. Zum Schutz von Klima, Biodiversität und unseren natürlichen Lebensgrundlagen.

Weitere Informationen für Sie

Sind Sie an dem Thema interessiert? Gerne empfehlen wir folgende Podcasts für weiterführende Informationen: