Gletschervorfld beim Sustenpass Raphael Weber
Alpen

Gletschervorfelder: Schweizer Bergwelt von morgen steht bereits unter Druck

Gletschervorfelder sind Landschaften im Werden. Wo vor wenigen Jahrzehnten noch Eis lag, fliessen heute wilde Bäche, Kiesflächen und kleine Seen entstehen. Diese neuen Lebensräume sind Zeugnisse der Klimakrise und gleichzeitig kostbare Räume für die Natur. Sie gehören zu den letzten Orten, wo sich die Natur noch frei entfalten kann. Umso wichtiger ist es, dass wir sie schützen.

In Kürze

  • Gletschervorfelder gehören zu den letzten Orten der Schweiz, an denen sich die Natur noch frei entwickeln kann. Sie sind Landschaften im Werden, verletzlich, faszinierend und voller Leben.
  • Pro Natura sieht darin eine Chance für die Natur. Wasserkraftunternehmen sehen in Gletschervorfeldern in erster Linie Standorte für neue Stauseen.
  • Die kommenden Jahre werden entscheidend sein. Wenn wir jetzt nicht handeln, werden die wertvollsten Gletschervorfelder verbaut, bevor ihre Bedeutung für die Natur überhaupt verstanden ist. 

Bis 2100 werden über 90% des Schweizer Gletschereises verschwunden sein (WSL-Artikel). Auf der zurückgebliebenen Fläche entstehen neue Landschaften und Lebensräume: Wilde Bäche, junge Seen, Kiesflächen und erste Pflanzen finden ein Zuhause. Das ist eine riesige Chance für die Natur. Energieunternehmen sehen darin jedoch vor allem Potenziale für neue Speicherseen und Stromproduktion. Genau darin liegt der Konflikt um die Bergwelt von morgen. Die nächsten Jahre werden darüber entscheiden, ob diese wertvollen Lebensräume zukünftig geschützt oder zerstört werden.  

Gletschervorfeld Matthias Sorg
Gewässer prägen die Formenvielfalt der Gletschervorfelder.

Was sind Gletschervorfelder?

Einfach erklärt: Gletschervorfelder entstehen dort, wo Gletscher schmelzen. Der Gletscher hinterlässt blankes Gestein und Geröll. Mit der Zeit entstehen dort neue Welten, die vielen Tier- und Pflanzenarten Raum zum Leben geben. Bäche, gespeist durch das Wasser der abschmelzenden Gletscher, suchen sich in diesen kargen Landschaften neue Wege und gestalten so die Bergwelt von morgen. 

Seit 1850 sind auf diese Weise etwa 1.500 km² neue Fläche in den Alpen entstanden – davon etwa 250 km² in der Schweiz. Das entspricht einer Fläche knapp grösser als der Kanton Zug. Und der Rückgang der Gletscher beschleunigt sich noch immer. Allein seit dem Jahr 2000 haben sie etwa 40% ihres Volumens verloren. Im Durchschnitt sind das 1.5-2% pro Jahr. In einzelnen Jahren wie 2022 sind es bis zu 6% (www.glamos.ch). Zusätzlich beschleunigt sich dieser Prozess durch eine Rückkoppelung: Freiliegende Felsen und Steine absorbieren Sonnenwärme stärker als Eis und heizen den Gletscher zusätzlich auf (Albedo-Effekt).  

Gletschervorfeld vs. alpine Schwemmebene

Gletschervorfelder sind gemäss dem Bundesinventar der Auengebiete von nationaler Bedeutung (BAFU, 1998) als jene Flächen definiert, die zwischen dem aktuellen Gletscherrand und den Moränen des letzten Höchststandes (um 1850) liegen. Hier entstehen neue Geländeformen und entsprechende Lebensräume auf Moränen (Gesteinswälle, die der Gletscher transportiert hat), Erosionsrinnen, Schotterflächen und Gewässern.

Alpine Schwemmebene: Flache Gebiete oberhalb von 1800 m ü. M., die von Überflutung und flächiger Sedimentumlagerung geprägt sind (zum Beispiel das Val Frisal, GR). Sie können innerhalb oder ausserhalb eines Gletschervorfelds liegen.

Beides sind dynamische Lebensräume die ständig in Bewegung sind.

Val Frisal Raphael Weber
 Albedo-Effekt und Gletscherschmelze

Schnee und Eis reflektieren Sonnenstrahlung besonders gut und verhindern damit eine Erwärmung der Erdoberfläche. Sie haben eine hohe Albedo. Schmelzen Gletscher allerdings weg, verschwindet diese reflektierende Fläche. Darunter kommen dunkler Fels und Gestein zum Vorschein, die die Wärmestrahlung absorbieren. Die Folgen sind klar: Noch mehr Wärmeeintrag, noch schnellere Erwärmung, noch stärkere Gletscherschmelze. Ein Teufelskreis, der sich selbst beschleunigt. 

Dieser Prozess verstärkt den Klimawandel dramatisch und beschleunigt das Schrumpfen der Gletscher in den Alpen deutlich. Das ist eine der grössten Herausforderungen beim Klimaschutz. Darum zählt jedes Zehntel Grad Erderwärmung das wir verhindern können, um diese Rückkopplung zu verlangsamen.

 Wasser als Landschaftsarchitekt

Glazifluviale Prozesse (vom Gletscherschmelzwasser geprägt) schaffen eine Formenvielfalt, die einzigartig ist. So entstehen viele ökologische Nischen für mitunter sehr seltene Arten. 

Das bedeutet, die Landschaften bieten spezifische Gegebenheiten, die eine Art aufgrund ihrer Lebensweise, ihrer Nahrung, ihrem Lebensraum sowie ihrer Wechselwirkungen mit anderen Organismen benötigt. Diese Formenvielfalt besteht aus:

  • Moränen: Aufgehäufte Gesteinsmassen, die der Gletscher über weite Strecken vor sich hergeschoben hat oder die auf der Gletscheroberfläche mittransportiert wurden (nicht direkt durch Wasser geprägt, glaziales Element).
  • Erosionsformen: Rinnen, Klammen (tiefe Schluchten, die das Wasser in Felsen gegraben hat), Felssohlen, Gletscherschliffe. Überall, wo Eis und Wasser sich ihren Weg bahnen.
  • Deltas: Schmelzwasser, das in Seen oder flache Becken mündet und Sedimente ablagert.
  • Mäander: Mäandernde Bäche in Schwemmebenen, die sich durch die Geröllmassen winden.
  • Tümpel und Seen: Wasserflächen in Senken. Aufgrund der dynamischen Prozesse sind häufig nur die grösseren überdauernd. Kleinere Gewässer entstehen und verlanden wieder.
  • Kiesbänke: Dynamische Kiesablagerungen, die sich mit jedem Hochwasser verlagern.

Diese Formenvielfalt ist eine bedeutende Grundlage für die Biodiversität. Auf kleinstem Raum entstehen hier die unterschiedlichsten Lebensräume, die auf ihre Besiedlung warten. Während die glazifluvialen Prozesse die sichtbaren Bereiche der Gletschervorfelder prägen, spielt der Untergrund eine ebenso entscheidende Rolle für die Biodiversität. Die Geologie und die sich daraus entwickelnden Böden bestimmen massgeblich mit, welche Arten sich überhaupt ansiedeln können (siehe Abschnitt “Aus Gestein wird...”).

Der ökologische Wert von Gletschervorfeldern

Auf kleinstem Raum entstehen in Gletschervorfeldern sehr vielfältige Lebensräume. Diese entwickeln sich ständig weiter. Am Anfang sind sie vor allem geprägt von Gestein. Mit der Zeit finden Moose und Flechten ihre Wege dorthin. Pionierpflanzen erobern ihre Nischen zwischen Kies und Sand. Spezialisierte Insekten in jungen Gewässern. Diese Gebiete sind einmalig in der Auenvegetation Europas.

Verschiedene Publikation der ZHAW zum Gletschervorfeld des Morteratschgletschers (Pontresina GR) zeigen eindrücklich: Die Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten in Gletschervorfeldern nimmt mit der Zeit zu. Auf Flächen die mitunter gut 20 Jahre eisfrei waren, wurden bis zu 35 Tagfalterarten beobachtet, was ein klarer Hinweis auf die hohe Diversität von solchen Gebieten ist. Häufige Tagfalter im «reiferen» Gletschervorfeld waren zum Beispiel Alpen-Wiesenvögelchen (Coenonympha gardetta) und Graubindiger Mohrenfalter (Erebia tyndarus). Bei den Heuschrecken fanden sie unter anderem die Sibirische Keulenschrecke (Gomphocerus sibiricus) und die Gewöhnliche Gebirgsschrecke (Podisma pedestris).

Mit der Klimaerhitzung werden in den Gletschervorfeldern aber nicht nur zusätzliche Lebensräume geschaffen. Es ergeben sich mancherorts auch wichtige Rückzugsräume für Arten, die schon heute wegen dem Klimawandel Mühe haben.  
 
Wenn Gletschervorfelder verbaut werden, bevor sich diese Lebens- und Rückzugsräume etablieren können, geht eine der grössten Chancen für die Biodiversität in diesem Jahrhundert verloren – nicht nur für die Schweiz, sondern für die ganze Alpenregion.

Wir müssen unsere Bergwelt besser schützen: Stand heute gibt es in der Schweiz noch etwa 1400 Gletscher. In den bestehenden nationalen Inventaren, die vor Nutzungseingriffen weitestgehend geschützt sind, sind allerdings nur 52 Gletschervorfelder und 14 alpine Schwemmebenen als Biotope von nationaler Bedeutung aufgeführt – darunter sind längst nicht alle, die gerade entstehen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt haben und die teilweise hochgradig wertvolle Biodiversitätsräume schaffen. 

Pro Natura Studie zeigt: 13 prioritäre Objekte 

In unseren Bergen entsteht so eine neue Welt mit grossem Wert für die Biodiversität. Eine erste von Pro Natura in Auftrag gegebene Studie (geo7, 2021) hat 13 prioritäre Gletschervorfelder identifiziert, die besonders hohe Biodiversitätspotenziale haben. Mit einer laufenden Untersuchung soll nun möglichst das gesamte Potenzial für die Biodiversität erfasst und dokumentiert werden.

Alpen-Leinkraut Susanna Meyer
Das Alpen-Leinkraut: eine typische Pionierpflanze.
Aus Gestein wird...  

Die geologische Beschaffenheit eines Gletschervorfelds wird durch das Ausgangsgestein geprägt, das der Gletscher über Jahrtausende erodiert und transportiert hat. Je nach Herkunftsgebiet und Gletschergeschichte variiert die Zusammensetzung der Moränen und Sedimente erheblich. Kristalline Gesteine (Granit, Gneiss und ihre Schiefer) prägen viele alpine Gletschervorfelder und führen zu einem nährstoffarmen, sauren Untergrund, während auf kalkhaltigem Gestein (Kalkstein, Dolomit) eher basische Substrate entstehen. Wo Mischformen auftreten, ergibt sich folglich ein Mosaik unterschiedlicher Bodenbedingungen. Diese unterschiedlichen Bodeneigenschaften (pH-Werte, Mineralzusammensetzungen) beeinflussen massgeblich die Verfügbarkeit von Nährstoffen wie Phosphor und Stickstoff sowie die Wasserspeicherung im Boden. Sie sind massgebend dafür, welche Pflanzengemeinschaften sich etablieren können und welche ökologischen Nischen entstehen.  

Was viele nicht wissen: Eine zentrale Rolle in der Bodenentwicklung von Gletschervorfeldern spielen Pilze. DNA-Analysen zeigen, dass sich die Pilzgemeinschaften in Gletschervorfeldern mit der Bodenentwicklung zusammen stark verändern. Solche mikrobiellen Gemeinschaften können als biologische Indikatoren für den Entwicklungsstand eines Gletschervorfelds dienen .

Von der Steinwüste zum Lebensraum: Sukzession auf dem Gletschervorfeld

Die Besiedlung von blankem Gestein folgt einer Abfolge, die Wissenschaftler:innen in verschiedene Sukzessionsstadien unterteilen:

  • Primärsukzession: Besiedlung von nacktem, unverändertem Gestein und Schotter. Hier ist keine Vorgängervegetation vorhanden.
  • Pionierstadium: Flechten, Moose und spezialisierte Gefässpflanzen besiedeln zuerst die extremen Bedingungen (wenig Boden, wenig Nährstoffe, tiefe Temperaturen, Frost).
  • Bodenbildung: Abgestorbenes organisches Material der ersten Stadien und Verwitterung schaffen über die Zeit humushaltigen Boden.
  • Krautflur: Mehrjährige Gefässpflanzen etablieren sich, stabilisieren den Boden weiter und tragen zu dessen Bildung bei.
  • Strauchstadium: Zwergsträucher und Leguminosen besiedeln die Flächen. Leguminosen (wie zum Beispiel Klee, Wicken) leben in Symbiose mit Wurzelbakterien, die ihnen erlauben atmosphärischen Stickstoff zu binden und in den Böden zu fixieren.
  • Wald: In tieferen Lagen, unterhalb der Baumgrenze folgt schliesslich die Waldbesiedlung und damit der natürliche «Endzustand» der Sukzession. Bleibt die Dynamik des Lebensraumes erhalten, werden aber immer wieder entsprechende Prozesse in Gang gesetzt.

Vom nackten, felsigen Gletschervorfeld zu stabiler Vegetation dauert es typischerweise Jahrzehnte bis sogar Jahrhunderte, je nach Höhenlage und Klima.

Biodiversität: Welche Arten profitieren?

Pionierpflanzen: Nach dem Gletscherrückgang werden junge Schotter- und Moränenflächen rasch von Gefässpflanzen besiedelt. Wie verschiedene Untersuchungen zeigen, treten erste Gefässpflanzen und Moose bereits in den ersten Jahren der Eisfreiheit auf. (Fischer, A., Fickert, T., Schwaizer, G. et al. Vegetation dynamics in Alpine glacier forelands tackled from space. Sci Rep 9, 13918 (2019)). Typische Pionierarten sind etwa Alpen-Leinkraut (Linaria alpina), Gletscher-Hahnenfuss (Ranunculus glacialis), oder Gegenblättriger Steinbrech (Saxifraga oppositifolia). In seltenen Fällen auch mal der Alpen-Mohn (Papaver alpinum aggr.) und später, auf etwas reiferen Böden die Silberwurz (Dryas octopetala). Viele dieser Arten kommen verbreitet und ausserhalb von Gletschervorfeldern auf Geröllfeldern vor. Der besondere Wert junger Gletschervorfelder liegt deshalb weniger in einzelnen exklusiven Gefässpflanzenarten als in der Seltenheit und Dynamik des Lebensraums sowie in der frühen Primärsukzession (siehe Ausklapptext zur Sukzession).

Makroinvertebraten: In jungen Gletscherbächen, Tümpeln und feuchten Schotterflächen entstehen eigene Lebensgemeinschaften. Eintagsfliegen (Ephemeroptera), Steinfliegen (Plecoptera) und Köcherfliegen (Trichoptera) werden in der Gewässerbeurteilung als wichtige Bestandteile des Makrozoobenthos (Gesamtheit der am Gewässerboden lebenden tierischen Organismen, die mit dem Auge noch erkennbar sind) berücksichtigt und können Hinweise auf Wasserqualität und Lebensraumstruktur geben. Besonders kälteangepasste Zuckmücken (Chironomidae) der Gattung Diamesa, können Gletscherbäche und schmelzwassernahe Kleingewässer sehr früh besiedeln. Ihre Larven sind Teil der aquatischen Nahrungskette und die schlüpfenden adulten Tiere Nahrungsgrundlage für terrestrische Räuber wie Spinnen (Araneae), je nach Umgebung, auch für Vögel und Fledermäuse. Spinnen besiedeln als räuberisch lebende Arthropoden in Gletschervorfeldern verschiedene Mikrohabitate. 

Moose und Flechten: Diese vielfach unterschätzten und wenig beachteten Arten sind in frühen Stadien der Entwicklung eines Gletschervorfelds besonders wichtig. Einige Arten der Roten Liste sind auf die Bedingungen der ersten 10–20 Jahre nach dem Gletscherrückgang angewiesen. Sie verschwinden wieder, wenn die Vegetation dichter wird. Bei den Moosen wurden in der Glarner Untersuchung mehrere Arten der Roten Liste gefunden, darunter Gedrehtzähniges Doppelhaarmoos (Ditrichum pusillum), Mittleres Birnmoos (Bryum intermedium), Krummes Starknervmoos (Cratoneuron curvicaule) und Perssons Spitzlebermoos (Lophozia perssonii, heute teils als Oleolophozia perssonii geführt, sehr seltene Art). Als typische Pioniermoose wurden zudem Arten aus den Gattungen Bryum und Pohlia sowie das Brandstellenmoos Funaria hygrometrica festgestellt. Bei den Flechten sind in alpinen Gletschervorfeldern unter anderem Landkartenflechten (Rhizocarpon geographicum agg.), Säulchenflechten wie Stereocaulon alpinum und Geweihflechten (Cladonia spp.) typisch. Ihre Bedeutung liegt weniger in schneller Bodenbildung als in der extrem frühen Besiedlung nackter, nährstoffarmer Substrate.

Pilze: DNA-Analysen zeigen, dass bereits direkt an der Gletscherzunge eine hohe Pilzvielfalt existiert. Die Pilzgemeinschaften sind einzigartig und ähneln eher noch denen des Gletschereises als des Bodens. Glaziale Umgebungen sind wichtige Reservoirs für Pilzvielfalt. In den Gletschervorfeldern des Alplifirns und des Hintersulzfirns im Kanton Glarus wurden mittels Next Generation Sequencing zwischen 20 und 450 Pilztaxa pro Bodenprobe nachgewiesen. Die Pilzgemeinschaften in den jüngsten, gletschernahen Böden unterscheiden sich deutlich von jenen späterer Sukzessionsstadien (siehe Ausklapptext zur Sukzession) und ähneln eher Gemeinschaften des Gletschereises als jenen entwickelter Böden. Häufige oder erwähnte Gruppen waren unter anderem Cladosporium, Alternaria, Rhinocladiella, Rhizophydium, Malassezia, Tetracladium, Plenodomus und Mortierella. Mit zunehmender Vegetationsdeckung treten auch stärker pflanzenassoziierte Pilze und Ektomykorrhizapilze auf, etwa Amphinema, Inocybe, Piloderma und Tomentella. 

Mit der weiteren Entwicklung des Gletschervorfelds profitieren zunehmend Pflanzenarten, die auf Feinerde und organisches Material angewiesen sind. Dazu gehören Arten alpiner Schuttfluren und Rasen wie Alpen-Wundklee (Anthyllis vulneraria s.l.), Alpen-Rispengras (Poa alpina) oder Rostsegge (Carex ferruginea), längerlebige Moose und pflanzenassoziierte Pilze später je nach Höhenlage auch Weiden (Salix spp.), Grünerle (Alnus viridis), Lärche (Larix decidua) und Arve (Pinus cembra). Dank des sich verändernden und zunehmenden Blütenangebots und der Vegetationsstruktur entsteht auch Lebensraum für neue Tierarten wie blütenbesuchende Insekten und bodenbewohnende Arthropoden.

 Rückzugsräume im Klimawandel

Mit der Klimaerwärmung verschieben sich die klimatisch geeigneten Lebensräume vieler Arten in grössere Höhen. Neu entstehende Gletschervorfelder können deshalb wichtige Ausweichräume und Trittsteine für Arten werden, die auf kühle, offene, konkurrenzarme und dynamische Lebensräume angewiesen sind. Sie ersetzen verlorene Lebensräume nicht 1:1, schaffen aber je nach Lage, Exposition, Wasserhaushalt und Substrat neue Habitate, in denen betroffene Arten künftig eher geeignete Bedingungen finden. 

Die Klimaerwärmung betrifft nicht nur seltene Arten, sondern auch solche, die heute noch verbreitet in alpinen Lagen anzutreffen sind. Neben den Alpenpflanzen sind auch kälteliebende Insekten auf solche Gebiete angewiesen.

Ökosystemleistungen, die oft übersehen werden

Gletschervorfelder erbringen Leistungen, die weit über Biodiversität hinausgehen: 

  • Wasserspeicherung: Gletschervorfelder speichern Schmelzwasser in Seen und Mooren. Diese Speicher sind wichtig für die Wasserversorgung in trockenen Perioden und tragen auch zum Hochwasserschutz bei, indem sie Wasser zurückhalten. Das vorhandene Wasser wirkt zudem auch auf das (Mikro)klima vor Ort. 
  • Erholungswert: Gletschervorfelder sind faszinierende Landschaften. Ihre Schönheit und Ursprünglichkeit haben einen grossen immateriellen Wert für Tourismus, Bildung, Erholung und wissenschaftliche Forschung. 
  • Kohlenstoffspeicherung: Mit der Ausbreitung von Vegetation und Böden wird Kohlenstoff gebunden. Dieser Effekt ist klein, auch weil die Prozesse langsam vonstatten gehen. Eine künstliche Erhöhung dieses Effekts durch die aktive Besiedelung dieser Flächen ist aus naturschutzfachlicher Sicht allerdings nicht sinnvoll. 

Der landschaftliche und kulturelle Wert von Gletschervorfeldern

Morterarschgletscher Raphael Weber
Ein Blick auf das Gletschervorfeld des Morteratschgletscher (Graubünden).

Gletscher prägen die Schweizer Identität. Sie stehen sinnbildlich für das Hochgebirge, für eindrückliche Berglandschaften und für die Kraft der Natur. Ihr massiver Rückgang ist nicht natürlich, sondern eine direkte Folge der menschengemachten Klimaerwärmung. 

Mit ihrem Verschwinden entstehen bereits über die nächsten Jahrzehnte neue Berglandschaften. Das Gesicht unserer Alpen verändert sich rasch, dramatisch und nachhaltig. Das bringt gesellschaftliche und kulturelle Fragen mit sich: Welche dieser Räume wollen wir nutzen, welche sollen sich frei entwickeln dürfen?

Unberührte Berglandschaften sind seit jeher Teil der Schweizer Identität. Aufgrund massiver touristischer Erschliessungen und der intensiven Wasserkraftnutzung gibt es allerdings nur noch wenige. In einer durchorganisierten, von Technik und Beton kontrollierten Welt erinnern uns Gletschervorfelder daran, dass die Natur solche Freiräume dringend braucht und nicht überall gelenkt und geordnet sein darf. 

Gletschervorfelder sind die jüngsten Landschaften und Biodiversitätsräume der Schweiz. Sie entstehen gerade vor unseren Augen. Das ist eine riesige Chance und eine grosse Verantwortung.  

Landschaftsästhetik und Kunst

Gletschervorfelder sind in vielen Augen nicht schön im klassischen Sinne. Sie sind wild, roh, unfertig, manchmal chaotisch. Aber gerade darin liegt ihre Faszination und Wirkung. Sie zeigen Natur im Entstehen 

Ein Moosteppich mit der Lupe betrachtet ist ein kleines Wunderwerk. Erste Pflanzen die sich zwischen Kies und Sand etablieren, zeugen von der Kraft der Natur. Bäche, die sich ihren Weg bahnen, Seen und Tümpel, die entstehen und teils wieder verschwinden, zeigen uns wie dynamisch natürliche Prozesse sind. All dies ist heute sehr selten geworden. Kunstschaffende und Fotograf:innen haben Gletschervorfelder darum längst als Orte der Schönheit entdeckt. Sie zeigen in ihren Werken nicht nur Verlust, sondern auch Entstehung. Diese Perspektive ist wichtig und gibt Hoffnung. Gletschervorfelder sind zwar auch mit Trauer um das verschwundene Eis verbunden, lassen uns aber gleichzeitig staunen über das, was neu entsteht. 

 Nachhaltiger Tourismus - wie geht das?

Gletschervorfelder sind attraktive Ziele für Wanderer und Naturbeobachterinnen. Sie bieten Einblicke in ökologische Prozesse und Landschaften im Wandel, die sonst verborgen bleiben. 

Dennoch sollte nicht jedes Gletschervorfeld erschlossen werden. Zu viel Infrastruktur zerstört nämlich genau das, was es attraktiv macht – die Ursprünglichkeit und die Dynamik. 

Ein nachhaltiger Tourismus bedeutet:

  • Wenige, gut markierte Wege in diesen empfindlichen Lebensräumen 
  • Keine Seilbahnen oder Ausflugrestaurants 
  • Geführte Exkursionen und Besucherlenkung statt Massentourismus 
  • Respekt vor der Dynamik (Wege können beispielsweise weggeschwemmt werden) 

Einige Gletschervorfelder sind schon längst unter grossem touristischem Nutzungsdruck. Die Zielkonflikte rund um Gletschervorfelder spitzen sich in den nächsten Jahren weiter zu.  

Die Konflikte rund um die Bergwelt von morgen

Wasserkraftunternehmen und ein grosser Teil der damit verbandelten Politlandschaft sehen in Gletschervorfeldern in erster Linie neue Potenziale und Standorte für neue Stauseen. Das ist nachvollziehbar, denn mit dem Gletscherrückgang entstehen mancherorts neue Becken, in denen sich natürliche Seen bilden, deren Wasser gestaut und abgeleitet werden könnte. Dies würde jedoch auf Kosten des Gletschervorfeldes passieren. 

Unsere Gewässer sind schon massiv durch die Nutzung beeinträchtigt. Viele Flüsse sind seit Jahrzehnten übernutzt, die Fischbestände sind bedroht, die Sedimentdynamik ist unterbrochen. Wasserkraft ist glücklicherweise aber nicht die einzige Lösung für die Energiewende und neue Projekte sind oft sehr teuer und invasiv, denn in den über 100 Jahren in denen die Wasserkraft in der Schweiz genutzt und ausgebaut wird, sind die einfach und rentabel nutzbaren Potenziale längst erschlossen worden.

Der politische Druck ist mittlerweile jedoch so stark, dass einzelne Grossprojekte vom Parlament sogar als prioritäre Ausbauprojekte ins Gesetz geschrieben werden. Mit dem Mantelerlass, über den wir im Juni 2024 abgestimmt haben, wurde zudem das Verbandsbeschwerderecht bei diesen gelisteten Projekten eingeschränkt und der Naturschutz beschnitten. Weil ohne diese Gesetzesrevisionen allerdings die Energiewende um Jahre zurückgeworfen worden wäre, haben die Naturschutzorganisation den Kompromiss mitgetragen. Auch wenn das bedeutet, dass Gletschervorfelder, die nach Januar 2023 ins Bundesinventar (Biotope von nationaler Bedeutung) aufgenommen werden, nun trotzdem über den Weg einer Interessensabwägung der Wasserkraftnutzung geopfert werden können. Dies im Gegensatz zu den heute bestehenden Biotopen von nationaler Bedeutung, die bislang vor solchen Eingriffen bewahrt bleiben. 

Das fordert Pro Natura

Nicht alle Gletschervorfelder müssen genutzt werden, nicht alle müssen zwingend geschützt werden – aber möglichst viele sollten sich frei entwickeln dürfen. Das ist nicht idealistisch, das ist pragmatisch und nachhaltig. In der laufenden Biodiversitätskrise und vor dem Hintergrund, dass in der Schweiz kaum noch freie Naturräume bestehen, werden diese neuen Lebensräume umso wichtiger.  

Der Nutzungsdruck ist aber enorm gross und nach dem Trockensommer 2026 hat er nochmals zugenommen. Viele Gletschervorfelder und damit auch ihre Biodiversität, sollen zukünftig unter Speicherseen verschwinden. Werden sie aber zerstört, bevor sich diese Lebens- und Rückzugsräume etablieren können, geht eine der grössten Chancen für die Biodiversität in diesem Jahrhundert verloren – nicht nur für die Schweiz, sondern für die ganze Alpenregion.

Es braucht darum eine breite, öffentliche und parteienübergreifende Debatte zur Frage, welche Räume wir künftig nutzen wollen und welchen Wert wir unserer Natur und lebendigen Landschaften beimessen. 

Konkrete Forderungen von Pro Natura 

  • Aueninventar-Erweiterung: Regelmässige Überprüfung und Aufnahme neuer Gletschervorfelder mit echtem Schutz der Perimeter. 
  • Stromgesetz-Revision: Aufhebung der Ausnahme für Gletschervorfelder die nach dem 01.01.2023 inventarisiert worden sind. In einer Biodiversitätskrise von massivem Ausmass verdienen die wenigen Flächen auf denen Biotope von nationaler Bedeutung zu finden sind nichts weniger als die ungeschmälerte Erhaltung, wie sie das Gesetz grundsätzlich vorsieht.
  • Schutzgebiete: Ausweisung von Schutzgebieten für die prioritären Gletschervorfelder. 
  • Energiewende: Beschleunigter Ausbau von Solarenergie auf Infrastrukturen, Effizienzmassnahmen statt nur Produktionszubau, bestehende Wasserkraft ökologisieren, keine weitere Zerstörung von schützenswerten Lebensräumen durch den Ausbau der Wasserkraft. Suffizienz fördern und leben.  
  • Monitoring und Forschung: Finanzierung von Langzeitstudien zur Entwicklung von Gletschervorfeldern. 
  • Partizipation: Echte Mitsprache von Naturschutzorganisationen in Entscheidungsprozessen.