Hermelin © Mark Zerkuis / Saxifraga

Tier des Jahres 2018 – Das Hermelin

Das Hermelin (Mustela erminea) ist ein flinker Mäusejäger. Oft wird es aber vom Jäger zum Gejagten. Dann ist eine deckungsreiche Landschaft überlebenswichtig.

Das Hermelin bewohnt abwechslungsreiche, offene Landschaften. Den Wald meidet es. Es frisst Fleisch und ist in der Schweiz auf Wühlmäuse spezialisiert. Hermeline leben einzelgängerisch oder in Mutterfamilien. Sie sind reviertreu. 

Ein idealer Hermelin-Lebensraum ist gut vernetzt. Er bietet eine Fülle von Verstecken, Jagdgebieten und Wanderachsen: In Wiesen jagt das Hermelin seine Beute. In einer Aufzuchtkammer unter Ästen oder Steinbrocken kommen die Jungen zur Welt. Deckungsreiche Hecken, Krautsäume oder Bachufer erleichtern dem Hermelin-Männchen im Frühling die weiträumige, oft gefahrvolle Suche nach paarungsbereiten Weibchen.   

In manchen Landstrichen werden Hermeline immer seltener, weil ihnen geeignete Kleinstrukturen und Wanderkorridore fehlen. Mit dem Hermelin verschwinden auch andere Arten, die auf strukturreiche Landschaften angewiesen sind.

Warum wählt Pro Natura das Hermelin zum Tier des Jahres?

Ein  Hermelin in sicherer Deckung © Adolf Durrer © Adolf Durrer
Hermeline brauchen Kleinstrukturen wie diesen Steinhaufen

Mit der Wahl des Hermelins ruft Pro Natura dazu auf, unseren Kulturlandschaften wieder zu einem strukturreichen Netz von Lebensräumen zu verhelfen. Das dient nicht nur dem Hermelin, sondern auch vielen anderen Tier- und Pflanzenarten.

Pro Natura führt selber Vernetzungsprojekte durch und schafft in ihren eigenen Naturschutzgebieten Lebensraum für das Hermelin. In der Kampagne «Freie Bahn für Wildtiere!» setzt Pro Natura sich für den Schutz und die Wiederherstellung von Wanderkorridoren für Wildtiere ein.

Zur Kampagne «Freie Bahn für Wildtiere!»

Alles Wiesel oder was?

Hermeline bewegen sich meist im typischen «Mardersprung» vorwärts © Shutterstock / Smiler Shutterstock / Smiler
Weisser Bauch, brauner Rücken, schwarze Schwanzspitze: Ein Hermelin im Sommerkleid flitzt vorbei

Wiesel, Hermelin, Mauswiesel, Grosses Wiesel – wer ist was oder ist alles dasselbe? Des Rätsels Lösung: «Wiesel» ist der Oberbegriff für die beiden Arten Hermelin (Mustela erminea) und Mauswiesel (Mustela nivalis). Beide Arten sind in der Schweiz heimisch.

Das Hermelin wurde früher auch als «Grosses Wiesel» bezeichnet. Beide Wieselarten gehören zur Familie der Marderartigen, sind also verwandt mit Stein- und Baummarder, Iltis, Fischotter und Dachs.

Porträt: Flinker Flitzer mit zwei Anzügen

Im Winter trägt das Hermelin ein weisses Fell © iStock / Vershinin © iStock / Vershinin
Im Winter trägt das Hermelin ein weisses Fell. Der Fellwechsel wird durch die Tageslänge und durch die genetischen Eigenschaften des einzelnen Tieres ausgelöst

Gertenschlank, durchschnittlich rund 300 Gramm schwer und etwa so lang wie ein Schullineal: Diese Körpereigenschaften machen es dem Hermelin leicht, durch Mausgänge, Asthaufen oder Gestrüpp zu stöbern. Wenn es nicht ruht, ist das Hermelin quirlig unterwegs. Es schlägt gelegentlich akrobatische Kapriolen. Die Wissenschaft hat für diese Tanzeinlagen noch keine schlüssige Erklärung. Eng anliegende Ohren, kurze Beine und Tasthaare an der Schnauze vervollkommnen das Bild des Tunneljägers. Grösse und Gewicht von Hermelinen variieren je nach Lebensraum stark. Tiere aus dem Alpenraum sind kleiner als Artgenossen aus dem Mittelland. Männchen sind (im gleichen Lebensraum) grösser als Weibchen. 

Das Rückenfell des Hermelins ist im Sommer rotbraun gefärbt, der Bauch gelblich-weiss. Im Winter nimmt das ganze Fell eine schneeweisse Färbung an. Ein einziger Fellbereich bleibt ganzjährig in sattes Schwarz getaucht, nämlich die üppige Schwanzquaste. Sie ist das sichere Unterscheidungsmerkmal des Hermelins gegenüber seinem sehr ähnlich aussehenden kleinen Verwandten, dem Mauswiesel. 

Das Tier des Jahres 2018 ist gesetzlich geschützt. Die Bestände des Hermelins in der Schweiz sind nicht bekannt. Es wird zwar nicht als bedroht eingestuft, Fachleute gehen aber von einem Bestandesrückgang aus. Hermeline sind in der Schweiz von den Tallagen bis in Höhen von 3'000 Metern verbreitet.

Der Schrecken der Schermaus

Ein Hermelin bringt seine Beute an einen sicheren Ort © Shutterstock / Romuald Cisakowski © Shutterstock / Romuald Cisakowski
Fette Beute: Das Hermelin tötet sein Beutetier blitzschnell durch einen Biss ins Genick

Die sprichwörtliche wieselflinke Beweglichkeit des Hermelins hat ihren Preis. Das schlanke Hermelin braucht viel Energie, um sich warm und fit zu halten. Bis zu 40 Prozent seines Körpergewichtes muss es sich täglich erjagen. 

In der Schweiz ist das Hermelin auf Wühlmäuse spezialisiert, wobei es Schermäuse (Arvicola terrestris) bevorzugt. Die pummeligen Wühlmäuse leben unterirdisch in Wiesen und werfen dort die bekannten Haufen auf. In der Landwirtschaft ist das Hermelin daher als Mäusejäger sehr willkommen. Es frisst durchschnittlich ein bis zwei Mäuse pro Tag. Bei der Jungenaufzucht im Frühjahr steigt der Bedarf noch an. Im Gebirge, wo die Schermaus fehlt, weicht das Hermelin auf die Schneemaus (Chionomys nivalis) aus. Jagdstreifzüge können ein Hermelin über mehrere Kilometer führen. Wenn die Leibspeise einmal rar ist, weicht das Tier des Jahres 2018 auf andere Mausarten, Vögel und Insekten aus oder kostet gar einen vegetarischen Snack.

Fortpflanzung: Warum schon Babies schwanger werden

Im Alter von rund 2 Wochen schmückt vorübergehend eine «Löwenmähne» die Hermelin-Säuglinge © Beate Ludwig © Beate Ludwig
Wettergeschützt und trocken muss das Brutnest sein, in dem das Hermelin-Weibchen seine Jungen wirft

Das Hermelinweibchen wirft zwischen März und Mai, gut geschützt in einer Nesthöhle, seine Jungen. Die Männchen streifen derweil rastlos durch Felder und Wiesen, um paarungsbereite Weibchen zu suchen. Noch während sie säugen, sind die Weibchen nämlich schon wieder paarungsbereit. Noch erstaunlicher: Auch die weiblichen Jungtiere sind schon geschlechtsreif, kaum haben sie im Alter von drei Wochen die Augen geöffnet und erstmals Fleisch gefressen. Die Männchen hingegen werden erst im Alter von 1 Jahr zeugungsfähig, wodurch Inzucht weitgehend ausgeschlossen ist. Ende Sommer, wenn die Jungtiere sich eigene Reviere suchen müssen, sind alle weiblichen Hermeline schon wieder tragend. Doch dann ist erst mal Pause. Das Embryo legt in der Gebärmutter eine Keimruhe ein. Erst im Vorfrühling des folgenden Jahres wird die Entwicklung weitergehen und die nächste Generation der kleinen Beutegreifer wird federleicht, weissflaumig und blind zur Welt kommen.

Feinde auf zwei und vier Beinen

Ein Hermelin überquert nach erfolgreicher Jagd eine Strasse © Jean Malevez © Jean Malevez
Lauf, Hermelin, lauf! Das dichte Strassennetz in der Schweiz fordert eine unbekannte Zahl an Opfern unter der Hermelin-Population

Das Tier des Jahres 2018 hat viele natürliche Feinde. Für Füchse, Greifvögel, Eulen, Störche oder Graureiher ist das Tier ein willkommener Happen. Hauskatzen und Hunden geht das Hermelin ebenfalls aus dem Weg. Feind Nummer 1 ist aber der Mensch. In der Schweiz sind zwar die Zeiten vorbei, als Hermeline im Winterfell als begehrte Pelztiere gefangen wurden. Auch die Dezimierung als «Raubzeug» gibt es hierzulande nicht mehr. Doch verheerender als alle Fallen ist für das Hermelin die Ausräumung und Zerschneidung der Landschaft.

Heimat ist, wo Verstecke sind

Vielfältige Kulturlandschaft im Breccaschlund FR –  ein Gewinn für Mensch und Natur © Pro Natura / Matthias Sorg © Matthias Sorg
Ein möglichst dichtes Netz von Unterschlüpfen, Deckung und Wanderkorridoren ist für das Hermelin überlebenswichtig – und für viele andere Tierarten auch

Für das Hermelin ist die Welt dort in Ordnung, wo etwas «Unordnung» herrscht. Ein Steinhaufen hier, ein ungemähter Wiesenstreifen dort, ein Bächlein oder eine Hecke dazwischen: Das Hermelin braucht gut vernetzte Kleinstrukturen. Das Tier des Jahres 2018 ist deshalb auf eine naturfreundliche Landwirtschaft angewiesen. Dabei ist es nicht übermässig anspruchsvoll. Selbst in intensiv genutzten Gebieten kann der kleine Beutegreifer leben, wenn ein Minimum an Kleinstrukturen und Wiesland vorhanden ist. Je mehr Landwirtinnen und Landwirte solche Kleinstrukturen anlegen und pflegen, desto eher stellt sich ein Hermelin als Mäusejäger in ihren Dienst.  Vielfältige Kleinstrukturen bieten auch vielen anderen Tierarten unentbehrlichen Lebensraum. Dringend nötig sind für das Hermelin auch mehr gefahrlose Über- und Unterquerungen von stark befahrenen Verkehrswegen.

Rauf und runter: Die Hermelin-Population

Eine Hermelin-Mutter mit Jungtieren © Iain H. Leach © Iain H. Leach
Die sommerliche Begegnung mit einer Hermelin-Mutterfamilie ist ein seltener Glücksfall und währt meist nur sehr kurz

Unregelmässig kommt es zu «Mäusejahren», in denen sich die Schermäuse besonders stark vermehren. Das Hermelin reagiert auf den reich gedeckten Tisch mit erhöhter Vermehrung. In normalen Jahren wirft das Hermelinweibchen 4-6 Junge. In einem Mäusejahr können bis zu 14 Junge geboren werden. Die Hermelin-Population steigt, verwaiste Wohngebiete können wieder besiedelt werden. Das bricht die Spitzen der explosionsartigen Mäusevermehrung. Doch das Hermelin-Hoch währt nur kurz. Von den Jungtieren stirbt mindestens die Hälfte schon im ersten Winter. Das Durchschnittsalter einer Hermelinpopulation liegt bei nur 1-2 Jahren. In Gefangenschaft können die Tiere ein Alter von 8 Jahren erreichen.

Hermelin auf Jagd

Das tut Pro Natura

Pro Natura fordert, dass Bewegungsachsen und dazugehörige Wildtierkorridore wieder durchgängig werden. Bei der Planung sowie beim Bau von Infrastrukturen muss der Mensch die Mobilitätsbedürfnisse von Wildtieren berücksichtigen. Wildtiere wie das Hermelin brauchen unterschiedliche Lebensräume. Sie bewegen sich zwischen Schlafplatz und Jagdgebiet, zwischen Rückzugsort und Brutnest oder auf der Reviersuche. Unsere stark zerschnittenen Landschaften erschweren oder verunmöglichen diese wichtigen Bewegungen oft auch kleinräumig.
 
Pro Natura fordert von Politik und Behörden nicht nur auf nationaler Ebene, sondern auch lokal und regional klare Verbesserungen von ökologischer Infrastruktur und vernetzten Naturräumen.

Kampagne «Freie Bahn für Wildtiere!»

Pro Natura kämpft hartnäckig für eine wildtierfreundliche Landwirtschaft. Wir machen uns stark für jene Landwirtinnen und Landwirte, die dem Hermelin und vielen anderen Tierarten Lebensraum und Unterschlupf gewähren. Diese Leistungen der Landwirtschaft sollen angemessen gefördert und entschädigt werden. Pro Natura setzt sich politisch dafür ein, dass die kommende Agrarpolitik 22+ auch dem Hermelin wieder vermehrt auf die Sprünge hilft.

Biodiversität im Kulturland

Pro Natura legt auch ganz konkret Hand an für das Hermelin. Wir betreuen rund 700 Naturschutzgebiete in der ganzen Schweiz, mit wertvollen Lebensräumen für viele Tiere und Pflanzen. So weit sie ausserhalb des Waldes liegen, bieten viele dieser Naturschutzgebiete auch dem Hermelin Lebens- und Rückzugsraum. Auch ausserhalb unserer Naturschutzgebiete setzen wir Artenschutzprojekte um, die auch das Hermelin fördern. Aktuell laufen solche Projekte im Saanenland BE und im Gros de Vaud VD.

Mehr über die rund 700 Naturschutzgebiete erfahren

Projekte, welche Pro Natura zusammen mit ihren kantonalen Sektionen durchführt

Drei Hermeline beim Spielen

Das könnte sie auch interessieren

Es gibt kein Durchkommen!

Wildtiere wandern. Ausserorts zerschneiden Strassen…

Kampagne

Agrar­poli­tik in der Schweiz

Ab 2022 gilt die neue Agrarpolitik für die Jahre 2022-25…

Thema