Brücken für den Hirsch, Röhren für die Kröte

Wildtiere müssen Strassen und Eisenbahnlinien sicher überqueren können. Wildtierbrücken, -unterführungen und andere Durchlässe ermöglichen dies. Wichtig sind die richtige Anlage und eine gute Vernetzung mit den umliegenden Naturlandschaften.

 

Wenn wir mit einer neuen Kantonsstrasse ein Wohngebiet von der Schule oder dem Lebensmittelladen trennen, denken wir selbstverständlich an eine Über- oder Unterführung für uns Menschen. Wenn diese Kantonsstrasse aber wenige Kilometer weiter eine seit Generationen genutzte Wanderroute von Hirsch, Reh, Feldhase oder Geburtshelferkröte zerschneidet, merken wir das oft nicht mal. Mit verheerenden Folgen, von Verkehrsunfällen bis zum Artenrückgang. Auch Wildtiere brauchen Hilfe für die Überquerung!

 

Wildtierbrücken: Ein Durchgang für viele Tiere

Am auffälligsten sind die begrünten Wildtierbrücken über Autobahnen. Diese funktionieren bei genügender Breite von rund 45 Metern, seitlichem Sichtschutz, geeigneter Bepflanzung und guter Anbindung an Waldgebiete im Umland für die meisten Tierarten.

 

Neben Hirsch, Reh, Wildschwein, Dachs, Fuchs und Hase nutzen auch viele kleinere Tiere diese Übergänge. Kleinsäuger wie Marder, Eichhörnchen und verschiedene Mäusearten benötigen Leitstrukturen in Form von Hecken, Steinmauern und Altholz. Amphibien und Reptilien sind auf kleine Weiher und Pfützen neben und auf den Brücken angewiesen. Insekten brauchen einen geeigneten Bewuchs. Richtig angelegt, dient eine Wildtierbrücke also sehr vielen Tierarten als Übergang.

 

Aber: Der Bau von Wildtierbrücken ist teuer und dauert lange. Daher erstellt das Bundesamt für Strassen (ASTRA) Wildtierbrücken erst, wenn der betroffene Autobahnabschnitt saniert und deshalb gesperrt werden muss. Die Wartezeit kann mehrere Jahrzehnte betragen. Neue Technologien mit vorfabrizierten Elementen würden eine schnelle, unkompliziertere Erstellung erlauben. Damit in die Erforschung von neuen Technologien investiert wird, muss das Problem erkannt werden. Hier setzt Pro Natura an und engagiert sich mit der Kampagne «Freie Bahn für Wildtiere!».

 

Wildtierunterführungen: nicht alle wollen unten durch

Wildtierunterführungen werden dagegen nicht von allen Tierarten genutzt, insbesondere wenn die Durchgänge lang und eng sind. Bei der Anlage muss auf eine möglichst grosszügige Breite und Höhe geachtet werden.

 

Wie bei den Wildtierbrücken sind die Zulaufstrecken zu den Unterführungen von grosser Bedeutung. Die Tiere müssen Vernetzungsachsen oder Trittsteinbiotope mit guten Versteckmöglichkeiten vorfinden, um vom Menschen geprägte Gebiete gut geschützt durchqueren zu können.

 

Menschen und Hunde: Bitte nicht betreten!

Bei allen wildtierspezifischen Bauwerken ist sehr wichtig, dass sie nicht von Menschen betreten werden. Hundehalter, Spaziergängerinnen und Mountainbiker haben hier nichts zu suchen, denn bereits eine sporadische Nutzung durch Menschen kann viele scheue Tiere abschrecken.

 

Bei Gewässern: Platz für Wildtiere einberechnen

Wo eine Strasse oder eine Bahnlinie über einen Bach führt, braucht es einen Gewässerdurchlass. Dieser kann so gebaut oder saniert werden, dass er als Querungsmöglichkeit für kleinere Tiere funktioniert.

 

Es braucht auf den Seiten des Gewässers genügend Platz für «Trottoirs», auf denen Marder, Füchse, Dachse, Reptilien, Amphibien und andere Tiere die Verkehrsachse unterqueren können. Wenn der Durchlass zu schmal für seitliche Streifen mit natürlichem Boden ist, können Beton- oder Holzkonstruktionen gebaut werden. Wichtig ist, dass sie bei hohem Wasserstand nicht überflutet werden. Wie bei allen anderen Querungshilfen ist die Vernetzung mit den umgebenden Naturlandschaften entscheidend für den Erfolg.

 

Kleintierdurchlässe: die richtige Anlage bringt Erfolg

Röhren, die quer unter Strassen und Bahnlinien hindurchführen, werden als Kleintierdurchlässe bezeichnet. Fotofallenaufnahmen zeigen, dass Füchse, Dachse, Marder, Reptilien und Amphibien solche Durchlässe rege nutzen. Heute gibt es einen grossen Erfahrungsschatz, an welchen Orten welche Arten von Querungshilfen für welche Zielarten erfolgsversprechend sind. Häufig fehlt allerdings der politische Wille zur Umsetzung und zur Finanzierung.

 

Und wenn es nichts Spezielles gibt – was dann?

Fotofallenaufnahmen belegen, dass einige Wildtiere auch Über- oder Unterführungen nutzen, die nicht speziell für Tiere angelegt wurden.

 

Führt ein Feldweg unter einer Autobahn hindurch und hat die Unterführung einen natürlichen Bodenbelag, ist breit, hoch und nicht zu lang, dann gibt es gute Chancen. Rehe, Füchse, Wildschweine, Marder und andere Tiere nutzen diese Möglichkeit im Schutz der Dunkelheit, um auf die andere Seite der Autobahn zu gelangen. Wichtig ist, dass es beidseits der Querungsmöglichkeit gute Verstecke in Form von Büschen und Hecken und eine Anbindung an einen nahe gelegenen Wald gibt. Je seltener wir Menschen diese Infrastrukturen nutzen, desto besser für die Wildtiere.

 

Für den Bau und die Sanierung der Wildtierbrücken und -unterführungen an Autobahnen und Nationalstrassen ist der Bund zuständig. Die Zulaufstrecken liegen dagegen meist im Kompetenzbereich der Kantone und Gemeinden. Lokale Behörden sorgen mit raumplanerischen Mitteln dafür, dass Wildtierkorridore und Vernetzungsachsen freigehalten werden. Pro Natura und ihre Sektionen engagieren sich auf allen Ebenen für eine naturverträgliche Raumplanung – und für frei durchgängige Wildkorridore.