Biberkopf lugt halb aus Wasser, in Deckung von Damm ©Beat Hauenstein/Pro Natura

Missratenes Jagdgesetz – Nein!

Die eidgenössischen Räte haben das Jagd- und Schutzgesetz massiv umgeschrieben. Damit bringen sie das heute ausgewogene Gesetz völlig aus dem Gleichgewicht. Pro Natura, WWF Schweiz, BirdLife Schweiz und Gruppe Wolf Schweiz ergreifen gemeinsam mit anderen Organisationen das Referendum gegen dieses missratene Gesetz.

National- und Ständerat haben bei der Revision des Jagd- und Schutzgesetzes (JSG) eine wichtige Chance verpasst. Sie haben das Gesetz nicht verbessert, sondern den Artenschutz ausgehöhlt. Für geschützte Tierarten gilt neu der Grundsatz: Wer stören könnte, wird «reguliert», also abgeschossen. Pro Natura meint: Zu diesem massiven Angriff auf die Natur muss sich das Stimmvolk äussern können.

Ausrotten geht schnell

Ist Pro Natura überängstlich? Nein! Die Vergangenheit zeigt, wie schnell Arten verschwinden, wenn ihnen der nötige gesetzliche Schutz fehlt. Und wie lange es dauert, bis sie wieder zurück sind – wenn das überhaupt gelingt. Vor 150 Jahren waren Rothirsch, Steinbock und Wildschwein komplett aus der Schweiz verschwunden. Rehe waren eine Seltenheit. Wolf, Luchs und Bär verschwanden nicht nur durch direkte Abschüsse, sondern auch aus Mangel an wilden Beutetieren. Fischotter, Wiesel und Greifvögel wurden gar als «Schädlinge» erbarmungslos bekämpft. Verantwortlich für dieses Drama war eine zügellose Jagd auf fast alles, was kreucht und fleucht. Das Bundesamt für Umwelt spricht für diese Zeit von einer «massiven Biodiversitätskrise».

Wirkungsvolle Gesetze kippen?

Weitsichtige eidgenössische Gesetze für den Schutz von Wald und Wild sowie die strenge Regulierung der Jagd sorgten ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts für eine langsame Erholung der Natur. So konnten einheimische Wildtiere allmählich wieder einwandern oder wiederangesiedelt werden. Heute bevölkern stattliche Bestände einst ausgerotteter Arten die Schweiz. Die natürliche Rückkehr von grossen Beutegreifern wie Bär und Wolf stellt der Schweizer Wald- und Wildpolitik ein gutes Zeugnis aus. Und nun also der Gegentrend: Die Revision des JSG zielt auf geschützte Arten, die eigentlich nicht gejagt werden dürfen.

Die Umweltorganisationen waren und sind noch immer mit dem Abschuss von problematischen Einzeltieren geschützter Arten einverstanden.  Aber die vorliegende Revision schiesst weit über das Ziel vernünftiger Schadenvermeidung hinaus. Der Schutzgedanke tritt völlig in den Hintergrund. Das Parlament dachte auch keinen Moment daran,  bedrohte, heute noch jagdbare Arten wie Feldhase, Birkhahn, Alpenschneehuhn oder Waldschnepfe endlich unter Schutz zu stellen. Sie stehen allesamt auf der Roten Liste der bedrohten Arten – und bleiben jagdbar. Und das ausgerechnet in Zeiten einer noch nie dagewesenen, weltweiten Biodiversitätskrise!

Drei rote Linien überschritten

Konkret überschreitet das vom Parlament beabsichtigte Abschussgesetz drei rote Linien im Umgang mit geschützten Tieren:

  1. Für eine Abschussbewilligung braucht es gar keinen konkreten Schaden mehr.
    Künftig kann man unliebsame Tiere töten, noch bevor sie irgendeinen Schaden angerichtet haben. Allein ihre Existenz reicht aus, um sie dezimieren zu dürfen. Schönfärberisch wird von «Regulation» gesprochen.
  2. In Zukunft entscheiden die Kantone alleine, welche geschützten Tiere geschossen werden.
    War es früher der Bund, der den Abschluss bundesrechtlich geschützter Tiere genehmigen musste, sollen in Zukunft die Kantone über solche Abschüsse entscheiden dürfen. Naturschutz würde zum Spielball von parteipolitischen Interessen, kantonalen Vollzugsunterschieden und Klientelpolitik. 
  3. Die Liste an geschützten Tieren, die geschossen werden können, darf der Bundesrat beliebig erweitern.
    Als die beiden Räte das Gesetz verabschiedeten, setzten sie zwei geschützte Tierarten auf die Abschussliste: den Steinbock und den Wolf. Das bedeutet aber nicht, dass die anderen Arten weiterhin uneingeschränkten Schutz geniessen werden. Der Bundesrat kann künftig nämlich weitere Arten auf dem Verordnungsweg für Abschüsse freigeben – also ohne Parlamentsbeschluss oder Volksabstimmung. Die parlamentarische Debatte zum JSG bot einen Vorgeschmack dessen, wie viele andere geschützte Tierarten betroffen sein könnten: Biber, Luchs, Fischotter, Graureiher und Gänsesäger sind im Visier einzelner Politiker.

Was das neue Jagdgesetz anrichten könnte: Beispiel Wolf

Acht Wolfsrudel leben heute in der Schweiz, verbreitet von Graubünden über das Tessin und das Wallis bis in die Waadt. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Es dauerte 150 Jahre, bis sich das erste Rudel am Calanda niederliess. Davor war der Wolf aus der Schweiz verschwunden – ausgerottet, wie auch die anderen grossen Beutegreifer.

Mit der natürlichen Wiedereinwanderung der Wölfe in die Schweiz kamen auch alte Konflikte mit der Nutztierhaltung zurück. Konflikte, die zur Ausrottung der Wölfe beigetragen hatten. Aber die Situation heute ist nicht zu vergleichen mit jener vor 150 Jahren. Damals waren auch die natürlichen Beutetiere des Wolfs, also Hirsche, Rehe, Gämsen oder Wildschweine, fast oder ganz ausgerottet. Die Wälder waren weitgehend abgeholzt. Heute zeigt sich ein völlig anderes Bild: Wohl noch nie in der Geschichte gab es für den Wolf in der Schweiz einen so reich gedeckten Tisch an Wildtieren. Auch der Wald hat sich erholt. Nutztiere werden heute zunehmend mit elektrischen Zäunen und mit Hunden geschützt. Sie dürfen nicht mehr im Wald weiden.

Hohe Reh- und Hirschbestände können dem Wald zusetzen

Heute unterstützt der Wolf Förster und Jägerinnen dabei, den Wald gesund zu erhalten. Das ist dringend nötig. Einzelne Kantone müssen bereits Nachjagden durchführen, um der grossen Hirsch- und Rehbestände Herr zu werden und die Verbissschäden am Wald in Grenzen zu halten. Die Paarhufer fressen Knospen, Triebe und Blätter von Sträuchern und Bäumen ab. So setzen sie dem Wald stellenweise stark zu. Der Kanton Graubünden beispielsweise schätzt, dass rund ein Fünftel seines Schutzwaldes verbissen ist. Im Gebiet des Calandarudels dagegen hat sich die Waldsituation mit der Präsenz der Wölfe bereits nachweislich verbessert. Die Beutegreifer sorgen für eine bessere räumliche Verteilung des Wildes.

Nein zum Jagdgesetz - Ja zum Wolf!

Mehr Abschussgründe braucht es nicht!

Es war aber auch der Kanton Graubünden, der in diesem Sommer vier Jungwölfe zum Abschuss freigab. Das geschah auf der Grundlage des bestehenden Jagd- und Schutzgesetzes. Keine Umweltorganisation ergriff dagegen rechtliche Schritte. Pro Natura akzeptiert, dass Wölfe unter ausserordentlichen Umständen abgeschossen werden können, wenn sie also beispielsweise regelmässig Nutztiere reissen oder die Scheu vor dem Menschen ablegen. Das Beispiel zeigt: Schon heute sind starke Eingriffe in den Wolfsbestand rechtlich möglich.

Das neue Jagdgesetz brächte noch mehr Wolfsabschüsse, aber keine Verbesserungen für die Koexistenz mit dem Wolf. Im Gegenteil: Wolfsrudel können durch wiederholte Abschüsse auseinanderbrechen. Verwaiste Jungwölfe haben grosse Mühe, Wildtiere zu jagen. Sie könnten sich auf Nutztiere als leichtere Beute spezialisieren. Durch eine Dezimierung von Wölfen können Nutztiere also nicht wirksam gegen Wölfe geschützt werden. Viel effektiver ist es, bewährte Schutzmassnahmen wie Zäune und Herdenschutzhunde einzusetzen. Das neue Jagdgesetz schadet dem Arten- und Waldschutz, ohne  den Nutztierschutz zu verbessern. Deshalb Nein zum neuen Jagdgesetz.

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