Medien
Bei Fragen zu Pro Natura, unseren Naturschutzprojekten oder unseren politischen Stellungnahmen wenden Sie sich bitte direkt an die Medienverantwortlichen (siehe unten). Gerne stellen wir Ihnen Pressebilder zu unseren wichtigsten Themen zur Verfügung. Immer auf dem neuesten Stand sind Sie, wenn Sie unseren Medienservice abonnieren und uns auf Bluesky folgen.
Medienmitteilungen
Tier des Jahres 2015 ist die Ringelnatter
Tier des Jahres 2015: Die Ringelnatter
Eine schlängelnde Bewegung im Röhricht, ein langgestreckter Körper, der ins Wasser gleitet – und weg ist sie. Begegnungen mit der Ringelnatter währen meist nicht lange. Denn die anmutigen Tiere sind äusserst scheu: Werden sie aufgeschreckt, flüchten sie blitzschnell in ein Versteck oder tauchen ins Wasser ab.
Die ungiftige Ringelnatter ist für Menschen völlig harmlos. Die exzellente Schwimmerin hält sich gern in der Nähe von Gewässern auf und stellt dort Fröschen und Kröten nach. Mit ihrer Leibspeise teilt sie ein gemeinsames Schicksal: Ihre Lebensräume werden immer weniger. Mit der Wahl der einheimischen Schlangenart ruft Pro Natura dazu auf, Feuchtgebiete zu erhalten, zu vernetzen und neu zu schaffen.
Ringel im Nacken
Die Ringelnatter ist eine von acht einheimischen Schlangenarten. Sie besiedelt die ganze Schweiz mit Ausnahme der Hochalpen und Teilen des Juras. Zwei Unterarten kommen in der Schweiz vor: Die sogenannte Nominatform (Natrix natrix natrix) besiedelt nur den Nordosten des Landes, während die Barrenringelnatter (Natrix natrix helvetica) die übrigen Gebiete bewohnt. Das Markenzeichen der Ringelnatter sind die beiden hellen, halbmondförmigen Flecken im Nacken. Sie sind jedoch vor allem bei älteren Tieren oft nur schwach ausgeprägt oder können auch ganz fehlen. Wer genau hinsieht, erkennt ein weiteres Merkmal: Die Schuppen zwischen Auge und Mundspalte sind an ihrem hinteren Rand deutlich schwarz gefärbt. Vor allem die Barrenringelnatter zeigt auf ihren Flanken schwarze, senkrecht stehende Balken – oder eben Barren.
-
Pro Natura/Gerhard Sturm
- Markenzeichen der Ringelnatter sind die beiden hellen, halbmondförmigen Flecken im Nacken
Brutkasten im Komposthaufen
Die Ringelnatter ist ein ausgesprochen friedfertiges Reptil. Das zeigt sich sogar bei der Paarung im März oder April: Selbst wenn ganze Knäuel liebestoller Galane um ein einzelnes Weibchen buhlen, bleiben Keilereien aus. Die trächtigen Weibchen legen oft Strecken von über einem Kilometer zurück, um einen passenden Ort für die Eiablage zu finden. Geeignet sind etwa vermodernde Baumstümpfe, Kompost-, Schnittgut-, Sägemehl- oder Misthaufen, in denen durch die Verrottung organischen Materials Wärme freigesetzt wird. In diesen natürlichen Brutkasten legt das Ringelnatterweibchen 10 bis 40 weichschalige Eier ab – und hält damit den Mengenrekord unter den einheimischen Reptilien. Nach sieben bis neun Wochen schlüpfen die bleistiftgrossen Schlangenbabys.
-
Stefan Dummermuth
- Schlüpfende Jungschlange
Wenn die Haut zu eng wird
Wie alle Schlangen wachsen Ringelnattern ihr Leben lang. Da ihre Oberhaut nicht mitwächst, müssen sich die Tiere regelmässig häuten. Ein solcher Garderobenwechsel kündigt sich mit einer Trübung der Augen an, die bei Schlangen durch eine durchsichtige Schuppe geschützt sind. Zwischen der alten und der neuen Hautschicht bildet sich ein Flüssigkeitsfilm, der die Ablösung einleitet. Schliesslich platzt die alte Haut an der Schnauzenspitze auf. Dann streift die Ringelnatter die alte Haut vom Kopf her wie einen engen Strumpf ab und lässt sie mit der Innenseite nach aussen als sogenanntes Natternhemd zurück.
-
Sonja Haase
- Das Auge der Ringelnatter trübt vor der Häutung ein
Gut geblufft, ist halb entronnen
Ringelnattern leben gefährlich. Zu ihren Feinden gehören Greifvögel, Reiher, Katzen, Füchse, Marder und andere mehr. Die ungiftige Schlange ist wenig wehrhaft und räumt bei Gefahr wenn immer möglich das Feld. Bleibt ihr die Flucht verwehrt, greift sie in die Trickkiste: Sie flacht den Vorderkörper kobraartig ab, zischt und stösst den Kopf in Richtung des Gegners – ohne jedoch tatsächlich zu beissen. Wird sie gepackt, verspritzt sie ein stinkendes Kloakensekret. Als letztes Mittel stellt sich so manches Exemplar tot: Die Schlange verdreht den Körper, erschlafft und lässt die Zunge aus dem geöffneten Maul hängen. Manchmal treten gar ein paar Bluttropfen aus der Mundspalte aus. Kaum lässt die Aufmerksamkeit des Angreifers nach, erwacht die Schlange zu neuem Leben und macht sich davon.
-
Andreas Meyer
- Eine Ringelnatter stellt sich tot
Riechen mit gespaltener der Zunge
Die Ringelnatter ist wie alle Schlangen beinahe taub. Ihr Sehsinn ist jedoch gut ausgeprägt und hilft ihr sowohl bei der Jagd wie auch beim Erkennen von Gefahren. Das typische Züngeln dient der geruchlichen Wahrnehmung. Durch eine kleine Aussparung an der Schnauzenspitze kann die Ringelnatter ihre Zunge auch bei geschlossenem Mund hervorstrecken. In der Luft schwebende Duftpartikel bleiben an der Zunge kleben und werden beim Zurückziehen in eine mit Sinneszellen besetzte Grube im Gaumen geführt, das sogenannte Jacobson’sche Organ. Die tief gespaltene Form der Zunge hilft der Schlange, ein dreidimensionales «Duftbild» der Umgebung zu erhalten.
-
Stefan Dummermuth
- Züngeln dient der geruchlichen Wahrnehmung
Flinke Froschjägerin
Ringelnattern fressen vor allem Frösche und Kröten, aber auch Molche, Salamander, Amphibienlarven und gelegentlich Fische. Die flinke Jägerin geht nicht eben zimperlich vor und verschlingt ihre Beute bei lebendigem Leib. Dabei schiebt die Schlange ihre frei beweglichen Unterkieferhälften abwechselnd vor und transportiert so die Beute Stück für Stück immer weiter in den Schlund. So mancher Frosch ergibt sich jedoch nicht so einfach in sein Schicksal, sondern pumpt sich in Notwehr mit Luft voll. Die Ringelnatter kommt dem bei, indem sie Frösche und Kröten meist von hinten her verschlingt und die Luft so durch das Froschmaul wieder herausgepresst.
-
Matthias Sorg
- Ringelnattern ernähren sich hauptsächlich von Amphibien
Was braucht die Ringelnatter?
Wegen ihres Speisezettels leben Ringelnattern vor allem in der Nähe von amphibienreichen Gewässern. Sie folgen Frosch und Co. aber auch in deren Landlebensräume und sind deshalb auch weit entfernt von jeglichem Ufer anzutreffen. Nebst genügend Beute braucht die Ringelnatter Sonn- und Versteckmöglichkeiten wie etwa Trockenmauern, Ast- oder Steinhaufen sowie geeignete Eiablagestellen. Den Winter verbringen Ringelnattern in frostfreien Schlupfwinkeln, zum Beispiel in Erd- oder Baumhöhlen, unter Steinen, in Mauerspalten, Kompost- oder Sägemehlhaufen.
Im Laufe der letzten 100 Jahren hat der Mensch einen grossen Teil der einst ausgedehnten Lebensräume der Ringelnatter in der Schweiz zerstört: Feuchtgebiete wurden entwässert, Fliessgewässer reguliert, Naturräume überbaut oder durch Strassen zerschnitten. Zudem fehlt es der Ringelnatter im intensiv genutzten, aufgeräumten Landwirtschaftsland an Strukturen wie Hecken, Gräben, Trockenmauern, Steinhaufen oder Altgrasstreifen. So haben die Bestände der Ringelnatter starke Einbussen erlitten. Heute steht die Ringelnatter wie alle Schlangenarten der Schweiz auf der Roten Liste der gefährdeten Arten und ist geschützt.
-
Matthias Sorg
- Ringelnattern schätzen die Nähe von Gewässern und reichlich Versteckmöglichkeiten
Was tut Pro Natura?
- Ringelnattern fühlen sich dann wohl, wenn es auch den Amphibien gut geht. Um dem Tier des Jahres zu helfen, müssen deshalb die noch vorhandenen Feuchtgebiete geschützt und neue feuchte Lebensräume geschaffen werden. Dies tut Pro Natura im Rahmen ihrer Kampagne «Mehr Weiher für Frosch [&] Co.»: Sie erstellt selbst neue Fortpflanzungsgewässer für Amphibien und fordert Gemeinden auf, es ihr gleichzutun.
- Pro Natura betreut über 650 Naturschutzgebiete in der ganzen Schweiz. In diesen Gebieten pflegt sie feuchte Lebensräume gezielt und sorgt dafür, dass Gewässer nicht zuwachsen oder verlanden.
- Pro Natura engagiert sich für naturnahe Fliessgewässer, in deren Auen sich Reptilien und Amphibien wohlfühlen.
- Pro Natura macht sich stark für eine Landwirtschaft, die gesunde Nahrungsmittel naturverträglich produziert. So wirkt sie etwa darauf hin, dass die Direktzahlungen des Bundes gezielter für ökologische Leistungen der Landwirtinnen und Landwirte entrichtet werden.
- Pro Natura ist Mitgründerin der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (karch) und arbeitet projektbezogen mit deren Fachleuten zusammen.
-
Matthias Sorg
- Ringelnattern sind auf amphibienreiche Feuchtgebiete angewiesen
Weiterführende Informationen
Das könnte Sie auch interessieren
Tier des Jahres 2014: Die Feldgrille
Die Feldgrille ist bekannt für ihre musikalische Ader: Ihr unermüdliches Zirpen dominiert von den ersten warmen Frühlingstagen bis in den August hinein so manches Wiesenkonzert. Die Künstlerinnen selbst bleiben dem Publikum jedoch meist verborgen. Oder besser gesagt: die Künstler. Denn es sind die Grillenmännchen, die mit lautem «Zri, zri, zri» versuchen, Weibchen anzulocken und Nebenbuhler abzuschrecken.
Pro Natura macht 2014 die Bühne frei für die scheuen Meistergeiger und wirbt so für mehr artenreiche Blumenwiesen in der Schweiz.
Befrackte Dickköpfe
Die Feldgrille ist eine von über 100 Heuschreckenarten in der Schweiz. Wer nun an einen filigranen grünen Hüpfer denkt, liegt falsch: Die 18 bis 27 mm grosse Feldgrille ist vielmehr schwarz und bullig, mit kugeligem Kopf und bräunlichen, schwarz geäderten Flügeln.
Die Flügelbasis ist besonders bei den Männchen dunkelgelb gefärbt. Die Unterseite der Hinterschenkel leuchtet rot. Die Weibchen sind an ihrer langen, schlanken Legeröhre zu erkennen.
Trotz ihrer Flügel können Feldgrillen nicht fliegen. Die Tiere sind aber flinke Läufer. Auf ihrem Speiseplan stehen Gräser und Kräuter, dazu kleinere Insekten und deren Kadaver. Feldgrillen ihrerseits sind willkommene Happen für grössere Vögel, Reptilien und Säugetiere wie Füchse, Spitzmäuse oder Hauskatzen.
-
Albert Krebs/ETH
- Feldgrillenweibchen mit Legeröhre
Erste Geige im Wiesenkonzert
Das Musizieren ist bei den Feldgrillen Männersache. Mit lautem «Zri, zri, zri» markieren Grillenmännchen ihr Revier und weisen gleichzeitig paarungsbereiten Weibchen den Weg. Das Instrument der Violinisten sind ihre Vorderflügel. Auf deren Unterseite sitzen in einer Reihe rund 140 feine Zähnchen. Diese Schrillleiste streicht wie ein Kamm über eine glatte Schrillkante am Hinterrand des anderen Flügels. Eine Membran an der Flügelbasis verstärkt den Klang wie ein Lautsprecher. Die angehobenen Flügel und der Eingang zur eigenen Wohnröhre dienen als Schalltrichter. So ist der Gesang in offenem Gelände fast 100 Meter weit zu hören. Die Grillenweibchen, selbst stumm, nehmen den Lockruf mit ihren winzigen, schlitzförmigen Hörorganen in den Vorderbeinen wahr. Überzeugt die Darbietung, krabbeln sie dem Partner entgegen. Sobald sich ein Weibchen nähert, wechselt das Männchen schlagartig das Thema und umwirbt die Angebetete mit leisem Liebesgeflüster.
-
Florin Rutschmann
- Zirpendes Männchen
Bunker mit Terrasse
Eine zirpende Feldgrille zwischen den Grashalmen aufzuspüren, ist nicht ganz einfach. Die schreckhaften Insekten verstummen, sobald man sich ihnen nähert, und verschwinden blitzartig in ihren selbst gegrabenen Wohnröhren. Diese reichen unverzweigt bis 40 Zentimeter tief in die Erde.
Vor der Höhle legen die Tiere einen kleinen Vorplatz an, den sie laufend von Gräsern und Steinen befreien. Dieser dient den Männchen sowohl als Bühne für die musikalischen Darbietungen als auch als Arena für Rivalenkämpfe. Sobald sich ein fremdes Männchen auf den Platz wagt, stimmt der «Hausherr» einen schrillen Rivalengesang an. Reicht die akustische Drohung nicht aus, folgt die Peitsche: Die Kontrahenten schlagen sich ihre langen Antennen um die Köpfe, sie schubsen und beissen, bis einer der beiden das Feld räumt.
-
Ingo Stiegemeyer
- Feldgrillenmännchen vor Wohnröhre
Jugend ohne festen Wohnsitz
Feldgrillen paaren sich häufig vor dem Höhleneingang eines Männchens. Die Weibchen legen danach ihre Eier in die Erde ab, wo sie sich selbst überlassen bleiben. Nach zwei bis drei Wochen schlüpfen die kleinen Larven, die ihren Eltern bereits ähnlich sehen, aber noch keine Flügel tragen. Die Feldgrillenlarven vagabundieren den Sommer über umher, fressen und häuten sich bis zu zehnmal. Erst im Herbst werden die Jungen sesshaft: Sie graben sich eine Wohnröhre oder renovieren den verwaisten Gang eines Artgenossen. In diesem Quartier verbringen die Larven den Winter. Im nächsten Frühling wechseln sie noch ein- oder zweimal die Haut und sind etwa Anfang Mai erwachsen.
-
Florin Rutschmann
- Feldgrillenlarven haben noch keine Flügel
Leben in der Blumenwiese
Die Feldgrille ist in der Schweiz vor allem in milden Tallagen, an warmen und trockenen Standorten aber auch bis auf gut 1800 Meter ü. M. anzutreffen. Sie ist eine typische Bewohnerin sonniger, extensiv bewirtschafteter Wiesen, Weiden und Böschungen. Diese blütenreichen Lebensräume sind nicht nur ein Eldorado für Heuschrecken wie die Feldgrille, sondern auch für unzählige andere Tier- und Pflanzenarten.
Seit Mitte des letzten Jahrhunderts nehmen die Fläche und die Qualität artenreicher Blumenwiesen in unserer Landschaft jedoch stetig ab. Gründe dafür sind zum einen die Intensivierung der Landwirtschaft, zum andern das Verbuschen nicht mehr bewirtschafteter Steilhänge. So manche sonnige Lage wird zudem überbaut. Vielerorts ist das Zirpen der Feldgrille deshalb verstummt. Die Tiere sind innerhalb einer trocken-warmen Wiese zwar recht mobil, stossen ausserhalb aber schnell an Grenzen. So leben heute viele Populationen quasi auf Inseln, was die an sich häufige Art verletzlich macht.
-
Fabian Biasio
- Feldgrillen mögen sonnige, extensiv bewirtschaftete Wiesen und Weiden
Was tut Pro Natura?
- Pro Natura sichert ein Netz von über 650 Naturschutzgebieten in der ganzen Schweiz. Die Wiesen und Weiden in den Pro Natura Schutzgebieten werden extensiv bewirtschaftet – zur Freude der Feldgrille, die in zahlreichen dieser Gebiete vorkommt.
- Mit ihrer Kampagne «Flower Power – für farbenfrohe Blumenwiesen» setzt sich Pro Natura ab 2014 dafür ein, dass die bunten, artenreichen Wiesen und Weiden in der Schweiz wieder zunehmen.
- Pro Natura erhält und fördert Trockenwiesen und -weiden. So untersucht etwa das Projekt «Allegra Geissenpeter», wie ehemals landwirtschaftlich genutzte Hänge wieder nutzbar gemacht und vor dem Verbuschen bewahrt werden können.
- Auch in ihren Sektionen macht sich Pro Natura für artenreiche Wiesen und Böschungen stark, zum Beispiel mit dem Projekt «Blühende Borde fürs Baselbiet».
- In der Agrarpolitik vertritt Pro Natura eine klare Position für artenreiche Wiesen und Weiden im Kulturland.
- Pro Natura macht sich stark für einen haushälterischen Umgang mit dem Boden.
-
Benoît Renevey
- Blumenwiesen sind ein wichtiger Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten
Weiterführende Informationen
Das könnte Sie auch interessieren
Tier des Jahres 2013: Die Geburtshelferkröte
Die Lebensweise der Geburtshelferkröte ist einzigartig unter den einheimischen Amphibien. Während Wochen trägt der Krötenvater die Eier huckepack. Sind die Kaulquappen schlupfbereit, liefert er sie prompt und zuverlässig am Gewässer ab.
Mit der Wahl des fürsorglichen «Glögglifroschs» zum Tier des Jahres 2013 macht Pro Natura auf den dramatischen Rückgang der einheimischen Amphibien aufmerksam und fordert mehr Feuchtgebiete für Frösche und Kröten, Molche und Salamander.
Nächtliche Futtersuche
Die Geburtshelferkröte ist ein zierlicher Froschlurch von gerade einmal 3.5 bis 5 Zentimetern Grösse. Ihre Oberseite ist gräulich, der Bauch weisslich. Eine Reihe vergrösserter, oft rötlich gefärbter Warzen zieht sich über ihre Flanken. Faszinierend sind die grossen, goldenen Augen mit senkrechter Pupille. Tagsüber versteckt sich die Geburtshelferkröte in Erdhöhlen und Mauslöchern, unter Steinen, in Mauerfugen, Sandhaufen oder Gartenbeeten. Ist es warm und feucht genug, verlässt sie abends ihren Schlupfwinkel und geht auf Nahrungssuche. Was das Menu betrifft, ist sie nicht heikel: Sie schnappt sich ziemlich alles, was ihr vors Maul kriecht und kleiner ist als sie selbst, wie Insekten, Spinnen, Asseln, Schnecken und Würmer.
-
Axel Birgin
- Geburtshelferkröten sind keine besonderen Feinschmecker
Konzert der Kavaliere
«Glögglifrosch» nennt der Volksmund die Geburtshelferkröte. Der Name kommt nicht von ungefähr: Geburtshelferkröten zeigen sich dem Menschen selten. Meist bemerkt man sie überhaupt nur wegen ihres eigentümlichen Rufes. Von Ende März bis August buhlen die Männchen abends mit hellen, kurzen Lauten um die Gunst paarungsbereiter Weibchen. Was im Solo an einen Funkton erinnert, klingt im Chor wie ein mehrstimmiges Glockenspiel. Hat einer der singenden Kavaliere ein Weibchen für sich gewonnen, umklammert es dieses mit den Vorderbeinen. Ein langes und kompliziertes Paarungsritual beginnt.
-
Kurt Grossenbacher
- Geburtshelferkröten bei der Paarung
Brutpflege ist Männersache
Anders als alle anderen Froschlurche paaren sich Geburtshelferkröten an Land und legen ihre Eier nicht in ein Gewässer ab. Vielmehr formt das Krötenpaar mit allen vier Hinterbeinen sorgsam ein Körbchen. In dieses entlässt das Weibchen zwei Laichschnüre, die vom Männchen sofort besamt werden. Schliesslich reckt und streckt das Männchen seine Hinterbeine mehrmals durch das Gewirr der Laichschnüre, sodass sich diese um seine Fersengelenke wickeln.
Das Weibchen ist nun aus der Pflicht entlassen. Das Männchen übernimmt manchmal noch ein oder zwei weitere Gelege von anderen Weibchen. Die kostbare Fracht gut vertäut an den Beinen, sucht sich der Krötenvater ein feuchtwarmes, für die Eireifung günstiges Versteck. Nach 3 bis 6 Wochen Hütedienst bringt er die reifen Eier zum Gewässer. Innert Minuten beginnen die Larven zu schlüpfen. Die Kaulquappen verwandeln sich entweder noch im selben Herbst in landlebende Tiere oder überwintern als Larven im Gewässer. Dann werden sie stattliche 9 Zentimeter lang – grösser als alle anderen einheimischen Kaulquappen.
-
Jan Ryser
- Männchen mit Eigelege
Ufernahe Wohnquartiere
In der Schweiz kommt die Geburtshelferkröte vor allem im Hügelland und in den Voralpen vor. Südlich der Alpen fehlt sie. Für die Entwicklung der Larven braucht sie zwingend Wasser. Die Art des Gewässers scheint dabei zweitrangig zu sein: Die Tiere setzen ihre Kaulquappen sowohl in Tümpel, Weiher und Teiche als auch in langsam fliessende Abschnitte von Bächen oder Flüssen.
Einmal dem Wasser entstiegen, verbringen Geburtshelferkröten den Rest ihres Lebens an Land. Sie siedeln sich deshalb nur dort an, wo sie nahe am Gewässer auch den passenden Landlebensraum finden. Dabei bevorzugen sie gut besonnte Böschungen mit lockerem, grabbarem Boden. Diese Nähe von Wasser- und Landlebensraum findet die Geburtshelferkröte vor allem in Auengebieten, Rutschhängen, Kiesgruben und Steinbrüchen, aber auch an günstig gelegenen, meist fischfreien Weihern und Teichen.
-
Andreas Meyer
- Lebensraum der Geburtshelferkröte
Glögglifrosch in Not
Die Geburtshelferkröte gilt in der Schweiz als stark gefährdet. In den letzten 25 Jahren ist rund die Hälfte ihrer Vorkommen erloschen. Doch nicht nur der Glögglifrosch ist in Bedrängnis. Von den 20 einheimischen Amphibienarten stehen 14 auf der Roten Liste. Eine davon gilt in der Schweiz bereits als ausgestorben. Damit gehören die Amphibien zu den am stärksten bedrohten Tiergruppen unseres Landes.
-
Pro Natura
- Die Wechselkröte gilt in der Schweiz als ausgestorben
Amphibien fehlt das Wasser
Amphibien brauchen Gewässer als Lebensraum. Doch das viel gepriesene «Wasserschloss Schweiz» ist heute zu trocken. Flüsse wurden kanalisiert, Bäche eingedolt, Weiher und Tümpel trockengelegt, feuchte Wiesen drainiert. Insgesamt wurden neun von zehn Feuchtgebieten trockengelegt. Besonders rar sind jene Gewässer geworden, die ab und zu austrocknen. Dabei sind gerade diese für seltene Amphibienarten ein Paradies, weil in ihnen kaum Fressfeinde wie Fische oder Libellenlarven leben.
Weitere Faktoren machen den Amphibien zusätzlich zu schaffen: In unserer intensiv genutzten Landschaft fehlt es den Tieren an Schlupfwinkeln, viele Laichgebiete sind isoliert, in fischfreie Gewässer werden Fische eingesetzt, Amphibien werden überfahren, durch Pestizide oder Mineraldünger geschädigt oder von einer neuen Pilzkrankheit befallen.
Das Hauptproblem für die Not der Amphibien bleibt jedoch unsere entwässerte Landschaft. Pro Natura setzt sich deshalb dafür ein, dass bestehende Amphibiengewässer erhalten sowie neue Amphibienlebensräume geschaffen werden.
-
- Ein Problem sind kanalisierte Bäche
Was tut Pro Natura?
- Pro Natura fördert die Geburtshelferkröte und andere gefährdete Amphibienarten gezielt mit Artenschutzprojekten.
- Pro Natura sichert ein Netz von über 650 Naturschutzgebieten im ganzen Land mit rund 100 Amphibienlaichgebieten von nationaler Bedeutung.
- Pro Natura macht sich stark für eine Landwirtschaft, die gesunde Nahrungsmittel naturverträglich produziert. So wirkt sie etwa darauf hin, dass auch für Kleinstrukturen wie Amphibiengewässer Direktzahlungen entrichtet werden.
- Pro Natura engagiert sich für naturnahe Fliessgewässer, in deren Auen sich Geburtshelferkröten und andere Amphibien wohl fühlen. Sie unterstützt die Rückkehr des Bibers, der mit seinen Staudämmen attraktive Amphibienlebensräume schafft.
- Pro Natura pocht auf den gesetzlich vorgeschriebenen Schutz unserer Moore und Moorlandschaften, die nebst vielen anderen Tier- und Pflanzenarten auch Amphibien Lebensraum bieten.
- Pro Natura ist Mitgründerin der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (karch) und arbeitet projektbezogen mit deren Fachleuten zusammen.
-
- Amphibienförderung konkret
Weiterführende Informationen
Tier des Jahres 2012: Das Braune Langohr
Als «Vögel der Nacht» leisten Fledermäuse einen wichtigen Beitrag zum ökologischen Gleichgewicht in der Natur. Im Gegenzug sind sie auf vielfältige Lebensräume angewiesen. Fledermäuse sind die heimlichen Nachbarn: Tagsüber verstecken sie sich in Baumhöhlen, Ritzen und Spalten, manche wohnen unbemerkt in unseren Häusern. Wer sind diese sonderbaren Wesen, nicht Vogel und nicht Maus?
Fliegen mit den Händen
Fledermäuse gehören zur Ordnung der Chiroptera – Handflügler. Diese können als einzige Säugetiere aktiv fliegen. Mit Mittelhand- und Fingerknochen spannen sie ihre elastischen Flughäute auf.
Weltweit sind über 1100 Fledertierarten bekannt, die in 60 Millionen Jahren eine erstaunliche Vielfalt an ökologischen Nischen eroberten. In den Tropen gibt es neben den Insektenjägern auch Fleisch-, Fisch-, Früchte-, Blatt- und Pollenfresser. Fledermäuse in der Schweiz ernähren sich ausschliesslich von Insekten und anderen Gliederfüsslern wie Spinnen und Weberknechten. Bis heute wurden in der Schweiz 30 Fledermausarten nachgewiesen.
-
Dietmar Nill
- Aktiv fliegen
Sehen mit den Ohren
Pfeilschnell jagen Fledermäuse durch die Dunkelheit und schnappen zielsicher nach Insekten. Möglich macht dies ein raffiniertes Ultraschallsystem: Durch Mund oder Nase stösst die nächtliche Jägerin kurze, für Menschen nicht hörbare Rufe aus. Diese Ultraschallsignale werden von Hindernissen wie Bäumen, Zweigen und Mauern, aber auch von Beutetieren reflektiert und von den Ohren der Fledermaus wieder aufgefangen. So entsteht ein präzises Hörbild der Umgebung. Langohren beherrschen einen zusätzlichen Trick: Sie orten ihre Beute anhand von Krabbelgeräuschen. Ihren riesigen Ohren entgeht auch nicht das leiseste Rascheln.
-
Dietmar Nill
- Auf der Jagd
Falterfresser und Flugakrobat
Das Braune Langohr (Plecotus auritus), Tier des Jahres 2012, misst von Kopf bis Rumpf etwa fünf Zentimeter. Seine riesigen Ohren, die es einzeln bewegen kann, sind beinahe so lang wie sein Körper. Es bringt lediglich 5 bis 12 Gramm auf die Waage, bei einer Flügelspannweite von rund 24 Zentimetern. Bei der Jagd erbeuten die wendigen Flugakrobaten hauptsächlich Nachtfalter. Darunter auch Waldschädlinge wie Eichenwickler und Schwammspinner. Weiche Käfer, Schnaken, Raupen und Spinnen stehen ebenfalls auf ihrer Menükarte. Wie ein Turmfalke kann das Braune Langohr im Rüttelflug an Ort verharren und seine Beute direkt von Blättern, Gräsern und Baumrinde absammeln. Die breiten Flügel erlauben gar Pirouetten und Loopings. Erbeutet das Langohr grosse Falter, verzehrt es diese im Hängen an einem Frassplatz. Unverdauliche Teile wie Flügel, Beine und Fühler lässt es zu Boden fallen.
-
Dietmar Nill
- Falterfresser
Schöner Wohnen im Wald
Das Braune Langohr gilt als typische Waldfledermaus. Wie sieht der ideale Fledermauswald aus? Er bietet ein Mosaik aus geschlossenen und lichten Waldabschnitten, Laub- und Mischwald, jungen und alten Bäumen sowie Totholzinseln mit vielen Höhlen und Rissen in den Stämmen, die Fledermäusen tagsüber als Verstecke dienen. In strukturreichen Wäldern leben auch unzählige verschiedene Beuteinsekten.
Braune Langohren jagen nachts, mit Vorliebe im Wald. Wichtige Jagdgebiete sind zudem Hochstammobstgärten, Hecken und naturnahe Wiesen, wenige 100 Meter vom Tagesschlafplatz entfernt. Dieser befindet sich in einer Baumhöhle oder im Dachstock von Kirchen, Fabriken, Schul- und Wohnhäusern. Hier ziehen die Weibchen während des Sommers ihre Jungen auf, in so genannten Wochenstuben. Da Fledermäuse in der Regel nur ein Jungtier pro Jahr zur Welt bringen, sind ihre Populationen besonders verletzlich. Es dauert Jahrzehnte, bis sich eine geschwächte Art erholt.
-
Klaus Bogon
- Baumhöhle
Abhängen in der Kälte
Zum Schlafen biegen Langohrfledermäuse ihre Ohren nach hinten und klemmen sie zwischen Unterarme und Körper. So erkennt man nur den vorstehenden Ohrdeckel, Tragus genannt.
In der kalten Jahreszeit ziehen sich Fledermäuse in frostsichere Quartiere zurück. Der Körper wird abgekühlt und die Körperfunktionen auf ein Minimum reduziert. So können zwischen zwei Atemzügen bis zu 90 Minuten verstreichen. Auch die Herzfrequenz wird stark gesenkt. Damit die Tiere während des Winterschlafs nicht austrocknen, muss das Quartier genügend Luftfeuchtigkeit aufweisen. Bekannte Winterquartiere sind Höhlen, Felsspalten, Tunnels und Keller mit Naturböden.
Im Winter sind Fledermäuse nicht völlig reglos. Manchmal verändern sie ihre Schlafposition oder sie wechseln, wenn es zu warm oder zu kalt ist, das Quartier. Jedes Aufwachen zehrt jedoch an ihren knappen Fettreserven. So entspricht eine Stunde Wachsein dem Energieverbrauch von rund elf Tagen im Winterschlaf. Bis zum Frühjahr, wenn es wieder wärmer wird und das Nahrungsangebot steigt, sollten schlafende Fledermäuse nicht gestört werden.
-
Dietmar Nill
- Im Schlaf
Fledermäuse brauchen Vielfalt
In der Schweiz ist das Braune Langohr vom Flachland bis in die Bergregionen verbreitet. Dennoch gilt es als gefährdet, wie fast alle der rund 30 einheimischen Fledermausarten. Durch intensive Nutzung der Landschaft verschwinden immer mehr Obstgärten, Hecken und Feldgehölze, die Fledermäusen als Jagdgebiete und wichtige Orientierungspunkte beim Fliegen dienen. Baumhöhlen sind in unseren stark genutzten Wäldern Mangelware; Alt- und Totholz werden ausgeräumt. Intensive Landwirtschaft schmälert den Insektenreichtum.
Mit der Wahl des Braunen Langohrs zum Tier des Jahres 2012 ruft Pro Natura dazu auf, die Vielfalt der Lebensräume zu bewahren und zu verbessern.
-
Klaus Bogon
- Obstgarten
Was macht Pro Natura?
- Pro Natura setzt sich für vielfältige Wälderein – mit Waldschutzprojekten und auf politischer Ebene. Fledermäuse brauchen strukturreiche Wälder, in denen Alt- und Totholz vermehrt stehen und liegen bleiben.
- Pro Natura fördert mit dem Label «Hochstamm Suisse» den Erhalt von Hochstamm-Obstbäumen in der Schweiz. Für Fledermäuse sind Hochstamm-Obstgärtendoppelt wichtig: als Jagdgebiete und als Leitstrukturen beim nächtlichen Fliegen.
- Pro Natura kämpft für eine naturverträglichere Landwirtschaftspolitik. Mehr ökologische Ausgleichsflächen und weniger Pestizide verbessern den Insektenreichtum und damit das Nahrungsangebot für Fledermäuse.
- Pro Natura engagiert sich für naturnahe Fliessgewässer, die Fledermäusen ein reichhaltiges Insektenangebot liefern.
- Pro Natura ist an über 650 Naturschutzgebietenin der ganzen Schweiz beteiligt. Unser Ziel: Mehr Natur – überall!
-
Christoph Oeschger
- Für vielfältige Lebensräume
Weiterführende Informationen
Weiterführende Links
Fledermausschutz SchweizDas könnte Sie auch interessieren
Steini: pfiffiges Naturmagazin für Kinder
Hast du Lust, mehr über die Natur in deiner Nähe zu erfahren? Das Steini bietet dir viermal im Jahr ein buntes Lesevergnügen mit kurzweiligen Texten und faszinierenden Bildern.
Jedes Heft enthält:
- ein Dossier über ein Tier, eine Pflanze oder ein spezielles Thema
- Bastelideen: originell und einfach umzusetzen
- Spiele zum Thema des Dossiers
- einen Comic mit Pica und Gino
- einen Artikel zur aktuellen Jahreszeit
- Wettbewerbe
- und viele weitere Überraschungen
Das Steini wird an alle Familien- und Kindermitglieder von Pro Natura verschickt. Bist du noch nicht Mitglied? Klicke hier, und schon bald wirst du das Steini in deinem Briefkasten finden. Einzeln sind die Hefte in unserem Online-Shop erhältlich.
Im neusten Steini erfährst du alles über:
Weiterführende Informationen
Kontakt
Fragen zu Mitgliedschaft:
Probenummer bestellen:
Fragen an die Redaktion:
Weiterführende Links
Steini im Online-Shop bestellenTitelseite und nächste Nummer:
Attraktiv und ansprechend. Die Titelseite präsentiert das Thema des Magazins.
Zoom:
Vier Doppelseiten mit lehrreichen und vielfältigen Informationen zum Hauptthema.
Interview:
Im Interview berichtet jemand über seine persönlichen Erfahrungen.
Comic:
Die Abenteuer von Pica und Gino sind nicht nur witzig, sondern vermitteln auch wissenschaftliche Fakten.
Basteln:
Originelle Bastelideen. Mit genauen, leicht verständlichen Anleitungen.
Spielen:
Hier kannst du spielen und ein wenig mehr über das Hauptthema des Magazins erfahren.
Artikel zur Jahreszeit:
Eine Doppelseite über ein besonderes Tier oder eine interessante Pflanze.
Das könnte Sie auch interessieren
Tier des Jahres 2011: Der Regenwurm
Regenwürmer sind die Baumeister fruchtbarer Böden. Unermüdlich graben sie sich durch das Erdreich, arbeiten totes Pflanzenmaterial in den Boden ein, produzieren wertvollen Humus und sorgen für eine optimale Bodenstruktur. So pflegen die fleissigen Gesellen eine unserer kostbarsten Ressourcen: den Boden. Dieser ist Lebensgrundlage für Pflanzen, Tiere und Menschen und muss deshalb sorgfältig genutzt und geschützt werden.
In der Schweiz leben rund 40 verschiedene Regenwurmarten. Der wohl bekannteste unter ihnen ist der Tauwurm Lumbricus terrestris. Dieser 12 bis 30 Zentimeter grosse Regenwurm ist vorne rot-braun und hinten blass gefärbt. Er ist weit verbreitet und bewohnt Wiesen, Äcker, Gärten und Wälder. Dort gräbt er nahezu senkrechte Wohnröhren bis zu 3 Meter tief in den Unterboden hinab. Dadurch durchmischt er den Boden intensiv. Auf seinem Speisezettel stehen Laub und Ernterückstände, die er in seine Wohnröhre zieht und von Pilzen und Bakterien vorverdauen lässt. Nur dank dieser Kompostiertechnik kann der zahnlose Regenwurm das Pflanzenmaterial überhaupt aufnehmen.
Regenwürmer sind wechselwarme Tiere, die ihre Körpertemperatur nicht selbstständig regulieren können. Am aktivsten sind sie im Frühling und im Herbst. Bei Trockenheit im Sommer und Frost im Winter ziehen sich die meisten Arten zunächst tiefer in den Boden zurück. Sind die Bedingungen zu extrem, ringeln sie sich in einer mit Kot austapezierten Höhlung ein und verfallen in einen Starrezustand. Sind die Verhältnisse wieder günstiger, werden die Tiere wieder aktiv.
Die drei Lebensformen einheimischer Regenwürmer
Die verschiedenen Regenwurmarten lassen sich anhand ihres Lebensraumes in drei ökologische Gruppen einteilen:
Die kleinen und agilen Streubewohner leben zuoberst in der Humusauflage und in der Streuschicht. Sie fressen totes Pflanzenmaterial auf der Bodenoberfläche. Zum Schutz vor UV-Strahlung sind sie am ganzen Körper rötlich-braun gefärbt. Ein typischer Vertreter ist der Kompostwurm Eisenia fetida.
Die Mineralbodenformen besiedeln den Wurzelbereich von Pflanzen. Sie ernähren sich zum Beispiel von abgestorbenen Wurzelteilen im Boden, ohne jedoch die lebenden Pflanzenteile zu schädigen. Diese durchscheinend bleichen Arten graben vorwiegend horizontale, instabilen Gänge und kommen fast nie an die Oberfläche. Ein Beispiel ist der Grauwurm Nicodrilus caliginosus.
Die grossen, tiefgrabenden Arten pendeln zwischen Unterboden und Bodenoberfläche. Sie legen nahezu senkrechte, bis mehrere Meter tiefe, stabile Wohnröhren an, deren Wände sie mit Kot tapezieren. Diese kräftigen Arten ziehen totes Pflanzenmaterial von der Bodenoberfläche in ihre Wohnröhren ein. Sie sind nur im vorderen Körperbereich dunkel gefärbt. Zu dieser Gruppe gehört der Tauwurm Lumbricus terrestris.
-
H. & Hans-Jürgen Koch / Pro Natura
- Lumbricus terrestris in einer Wohnröhre
Blind, stumm, taub
Regenwürmer bestehen aus bis zu 200 Körpersegmenten, von denen jedes mit kurzen Borsten versehen ist. Unter der Haut befinden sich Ring- und Längsmuskeln des Regenwurms. Zieht er die Ringmuskeln zusammen, erschlaffen gleichzeitig die Längsmuskeln, und die betreffende Stelle wird lang und dünn. Durch abwechselndes Strecken und Zusammenziehen einzelner Körperabschnitte kriecht der Wurm vorwärts. Um sich durch die Erde zu graben, bohrt er das dünne Vorderteil in feine Spalten. Dann verkürzt sich die Längsmuskulatur, das Vorderteil wird dicker und schiebt die Erde auseinander. Regenwürmer können so bis zum 60-fachen ihres Körpergewichts stemmen. Damit gehören sie im Verhältnis zu ihrer Grösse zu den stärksten Tieren der Welt.
Wie der Mensch hat der Regenwurm rotes Blut. Angetrieben von 5 Paar «Herzen» zirkuliert es durch ein ausgeklügeltes Blutgefässsystem. Den nötigen Sauerstoff nehmen Regenwürmer nicht über Lungen oder Kiemen, sondern durch die Körperoberfläche auf. Ihr Blut strömt in feinen Gefässen unter der Haut hindurch und nimmt dabei Sauerstoff auf.
Regenwürmer besitzen weder Ohren, noch Nase, noch richtige Augen. Dank Licht-Sinneszellen am Vorder- und Hinterende können sie jedoch Helligkeitsunterschiede wahrnehmen. Ein Tast- und Gravitationssinn hilft ihnen, sich in ihren Röhrensystemen zurechtzufinden. Mit Hilfe eines Drucksinns können Regenwürmer zudem Erschütterungen wahrnehmen und so vor herannahenden Fressfeinden rechtzeitig flüchten.
-
Heidi & Hans-Jürgen Koch / Pro Natura
- Tauwurm mit Geschlechtsgürtel und pigmentiertem Vorderteil
Das Liebesleben der Zwitter
Regenwürmer paaren sich vor allem im Frühling und im Herbst. Sie sind Zwitter, d.h. sie besitzen sowohl Hoden wie Eierstöcke. Geschlechtsreife Tiere erkennt man an einer Verdickung im vorderen Drittel des Körpers, dem so genannten Gürtel. Zur Fortpflanzung legen sich zwei Regenwürmer in entgegengesetzter Richtung eng aneinander und tauschen ihren Samen aus. Dann bilden sie einen Schleimring um ihre Gürtelregion, aus dem sie sich langsam herauswinden. Dabei geben sie Eier und Samen in den Schleimring ab. Die abgestreifte Schleimmanschette formt sich zu einem zündholzkopfgrossen Kokon. Nach wenigen Wochen bis mehreren Monaten – je nach Art – schlüpft aus diesem «Regenwurmei» das Jungtier. Der Tauwurm Lumbricus terrestris paart sich einmal pro Jahr und bildet dabei 5-10 Kokons mit je einem Ei. Der Kompostwurm Eisenia fetida paart sich hingegen häufiger und legt pro Jahr rund 140 Kokons ab, aus denen Mehrlinge schlüpfen.
-
Heidi & Hans-Jürgen Koch / Pro Natura
- Zitronenförmiger Kokon in der Grösse eines Zündholzkopfes
Baumeister fruchtbarer Böden
Regenwürmer sind Bodenbildner. In einem durchschnittlich besiedelten Boden produzieren rund 1 Million Regenwürmer bis zu 100 Tonnen Wurmkot pro Hektar und Jahr. Dieser hochwertige Humus enthält bis zu 5-mal mehr Stickstoff, 7-mal mehr Phosphor und 11-mal mehr Kalium als die umgebende Erde. Mit diesem vorzüglichen Dünger tragen Regenwürmer entscheidend zur Nährstoffversorgung der Pflanzen bei.
Zusammen mit dem toten Pflanzenmaterial verleibt sich der Regenwurm auch grössere Mengen Mineralerde mit ein. Im Regenwurmkot finden sich deshalb so genannte Ton-Humus-Komplexe, die für eine stabile, krümelige Bodenstruktur sorgen.
Als umtriebige Tunnelbauer belüften Regenwürmer den Boden, erhöhen seine Wasseraufnahmefähigkeit und erleichtern das Wurzelwachstum. Im Obstbau erweisen sich Regenwürmer zudem als willkommene biologische Schädlingsbekämpfer: Indem sie das Falllaub der Bäume in den Boden ziehen und verspeisen, vertilgen sie auch Schadorganismen wie die Sporen des Apfelschorfs oder blattminierende Insekten.
-
Heidi & Hans-Jürgen Koch / Pro Natura
- Bis zu 100t Regenwurmlosung pro Hektare und Jahr wird im und über dem Boden abgelegt
Boden – mehr als nur Dreck
Der Regenwurm pflegt eine unserer kostbarsten Ressourcen: Der Boden ist Lebensgrundlage für Pflanzen, Tiere und Menschen. Er bietet Lebensraum und Nahrung, sorgt für einen natürlichen Wasserkreislauf, liefert mineralische Rohstoffe und Erdwärme, ist das Substrat für vielfältige Landschaften.
Doch der Boden ist bedroht. Überdüngung, Pestizide, Schadstoffe, Verdichtung und Erosion machen ihm zu schaffen. Vor allem aber wird immer mehr lebendiger Boden überbaut. Die Siedlungsfläche in der Schweiz wächst jede Sekunde um fast einen Quadratmeter. Boden wird zunehmend versiegelt und Landschaft zerstört.
Mit der Wahl des Regenwurms zum Tier des Jahres macht Pro Natura auf den verschwenderischen Umgang mit Boden und Landschaft aufmerksam und ruft zu deren Schutz auf.
-
Heidi & Hans-Jürgen Koch / Pro Natura
- Auf einer Wiese leben zwischen 200-400 Regenwürmer pro m2
Gefahren für den Regenwurm
Regenwürmer sind für viele Tierarten ein Leckerbissen. Zu seinen natürlichen Feinden gehören zahlreiche Vogelarten, Maulwürfe, Marder, Igel, Spitzmäuse, Erdkröten, Frösche, Feuersalamander, Hundertfüssler, Ameisen, Laufkäfer, Füchse und Dachse.
Weitere Gefahren drohen dem Regenwurm durch den Menschen: Die unsachgemässe Anwendung von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sowie intensives Pflügen oder Fräsen dezimieren den Wurmbestand drastisch. Schwere landwirtschaftliche Maschinen verdichten den Boden und machen den Dauerwühlern das Leben schwer.
Der krasseste Eingriff ist die zunehmende Überbauung von Kulturland. Unter völlig versiegelten Flächen, unter Gebäuden, Parkplätzen und Strassen, existieren praktisch keine Bodenlebewesen mehr.
-
Matthias Sorg
- Wohnen im Grünen
Was braucht der Regenwurm?
Wer den Regenwurm fördert, verhilft dem Boden zu mehr Gesundheit, Leben und Fruchtbarkeit. Wichtig ist eine schonende Bearbeitung des Bodens sowohl im Feld wie auch im Garten: Pflug und Spaten sollten nur sparsam eingesetzt werden, die Bodenfräse einzig wenn unbedingt nötig. Weiter sind Regenwürmer auf genügend Nahrung in Form von organischem Material angewiesen. Abwechslungsreiche Fruchtfolgen, vielfältige Ernteresten, eine konsequente Bodenbedeckung (Mulchen) und massvoll eingesetzter organischer Dünger (Mist, Kompost, Gülle) sorgen für ein üppiges Nahrungsangebot. Hohe Mineraldüngergaben und regenwurmschädigende Pflanzenschutzmittel sind zu meiden. Biologischer Anbau schont die Regenwürmer.
-
Heidi & Hans-Jürgen Koch
- Der Regenwurm Lumbricus terrestris
Weiterführende Informationen
Das könnte Sie auch interessieren
Lavoretti per tutti!
Per ricevere lo Stran'becco, devi essere membro famiglia o membro giovane di Pro Natura. Non sei ancora membro? Allora clicca qui!
Qualche vecchio lavoretto
Weiterführende Informationen
Info
Qui trovi tutti i documenti da scaricare proposti nel giornalino:
Das könnte Sie auch interessieren
Le coin des activités avec Caillou : jeux, expériences et bricolages
Avec le Croc’nature, la nature s’invite dans ton salon — et le monde entier devient ton laboratoire d’exploration. Bricolages pas à pas, jeux, coloriages et expériences : tout est prêt pour éveiller ta curiosité… et te donner envie de sortir. Parce que la nature est encore plus chouette quand on la découvre par soi-même.
Le Croc’nature est envoyé à toutes les familles membres et aux jeunes membres de Pro Natura. Pas encore membre ? Deviens-le et, bientôt, le Croc’nature arrivera dans ta boîte aux lettres. Envie d’approfondir un thème ? Le magazine est aussi disponible à l’unité dans notre boutique, tu trouves les liens ci-dessous.
C'est parti : découvre les activités !
Jeux
Jeu de l’oie «hérisson»
Le chemin est plein d’obstacles : réussiras-tu à amener ton hérisson en sécurité jusqu’à l’arrivée ? Tu veux en savoir plus sur le hérisson ? « Le Croc’nature » est aussi disponible à l’unité dans notre boutique.
Jeu de l’oie « Changements climatique »
Découvre ce qui est bon et ce qui est mauvais pour notre climat grâce à ce jeu de l’échelle ! Tu veux en savoir plus sur le climat ? « Le Croc’nature » est aussi disponible à l’unité dans notre boutique.
Expériences
Mission hérisson
Repère, autour de chez toi ou de ton école, quels endroits sont accueillants pour les hérissons et lesquels sont dangereux. Tu veux en savoir plus sur le hérisson ? « Le Croc’nature » est aussi disponible à l’unité dans notre boutique.
Quelle est la qualité de l’eau ?
Ton ruisseau ou ta rivière est-il/elle pollué·e? Découvre-le grâce à une expérience toute simple ! Tu veux en savoir plus sur les rivières et les fleuves en Suisse ? « Le Croc’nature » est aussi disponible à l’unité dans notre boutique.
Bricolages pas à pas
Un castor gourmand
Le castor a faim ! Que vas-tu lui donner à manger ? Tu veux en savoir plus sur le castor ? « Le Croc’nature » est aussi disponible à l’unité dans notre boutique.
Pic-vert
Qui tambourine par-là ? Construis ton propre pic-vert. Tu veux tout savoir sur le pic-vert ?« Le Croc’nature » est aussi disponible à l’unité dans notre boutique.
Le chacal doré
Tu veux tout savoir sur le chacal doré ? « Le Croc’nature » est aussi disponible à l’unité dans notre boutique.
Coloriages
renard
A quoi ressemble l’environnement du renard une fois que tu l’as colorié ?
Das könnte Sie auch interessieren
Medienkontakt Deutschschweiz
Nathalie Rutz
Büro direkt: 061 317 92 24
Mobil: 079 826 69 47
@email
Medienstelle allgemein:
@email
Adresse
Pro Natura, Halle 4-5, Dornacherstrasse 192, 4053 Basel
-
Christian Flierl
Für Anfragen aus der Westschweiz wenden Sie sich bitte an unseren Medienverantwortlichen für die Westschweiz: Leo Richard
Abonnieren Sie unsere Medienmitteilungen via E-Mail oder das Pro Natura Magazin via Postversand.