Mediencommuniqué

St. Galler und Appenzeller Landwirtschaft düngt Bäche und Wälder – Kontrollen fehlen

23.11.2012

Die gesetzlichen Bestimmungen sind klar: Gülle und Mist dürfen nicht näher als drei Meter an Bäche, Wälder und Hecken ausgebracht werden. Eine Untersuchung von Pro Natura St. Gallen-Appenzell zeigt nun erstmals, dass in der Ostschweiz diese ökologische Norm in mehr als der Hälfte der Fälle nicht eingehalten wird. Das ist ein weiteres Kapitel in der Entlarvung der viel besungenen «ökologischen» Schweizer Landwirtschaft.

«Pufferstreifen» heissen die Zonen zwischen Gewässern, Wäldern oder Hecken und dem angrenzenden Kulturland. Pufferstreifen dürfen nicht gedüngt werden. Der Mindestabstand zwischen gedüngtem Kulturland und Gewässern, Wäldern oder Hecken beträgt drei Meter. So will es das Gesetz. Die Landwirte werden via Direktzahlungen dafür belohnt, dass sie diese ökologisch besonders wertvollen Bereiche nicht mit Jauche und Mist eindecken. Die Realität: Viele werden belohnt, obwohl sie sich nicht an diese Bestimmungen halten.


Erheblicher Missstand aufgedeckt

Pro Natura St. Gallen-Appenzell hat im Sommer und Herbst 2012 die Pufferstreifen in den Kantonen St. Gallen und den beiden Appenzell systematisch untersucht. Die Resultate bestätigen die Befürchtungen der Naturschutzorganisation: Mehr als die Hälfte der Landwirte hält die gesetzlich vorgeschriebenen Abstände zu Wäldern, Gewässern und Hecken nicht ein (57%), im Kanton AI sind es sogar 85%. «Diese Resultate zeigen einen gravierenden Missstand: Es sind nicht Einzelfälle, es grenzt an systematisches Umgehen der gesetzlichen Bestimmungen», beurteilt Christian Meienberger, Geschäftsführer der Pro Natura Sektion St. Gallen-Appenzell die Situation. Dies ist nicht nur ein Schaden an der Natur, sondern auch ein Affront gegenüber der Minderheit der korrekt wirtschaftenden Bäuerinnen und Bauern.

 

Kontrollen fehlen
Die Kantone sind verpflichtet, über die Pufferstreifen zu wachen und Verstösse zu verzeigen. Die Untersuchung von Pro Natura St. Gallen-Appenzell belegt, dass die kantonalen Kontrollen versagen, weil sie offensichtlich gänzlich fehlen. «Wer seinen Abfall illegal entsorgt, wird zurecht gebüsst. Landwirte werden hingegen vom Staat entlöhnt, selbst wenn Sie die Umwelt verschmutzen. Was für die Allgemeinheit gilt, sollte auch in der Landwirtschaft durchgesetzt werden: Wer die Umwelt verschmutzt, soll dafür geradestehen und sicher nicht noch belohnt werden», fordert Meienberger. Pro Natura erwartet funktionierende Kontrollen und ein härteres Durchgreifen bei Verstössen.

 

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Die Schweiz importiert de facto mehr und mehr Gülle und Mist

Die St. Galler und Appenzeller Untersuchung entlarvt die «ökologische» Schweizer Landwirtschaft einmal mehr als Mythos. Die Resultate reihen sich nahtlos in die Zahlen des Bundes zur mangelhaften Umweltfreundlichkeit der hiesigen Landwirtschaft. Ein Beispiel: Die intensive Schweizer Landwirtschaft «entsorgt» jährlich über 100'000 Tonnen Stickstoff in der Natur. Das führt zu einer Überdüngung des Kulturlandes. Der Überschuss an Nährstoffen aus der Landwirtschaft hat einen Hauptgrund: Im aktuellen Direktzahlungssystem werden Landwirte belohnt, wenn sie möglichst viele Tiere halten. Zugekauftes Futter verdrängt dabei das natürliche Futterangebot. So hat im letzten Jahrzehnt der Kraft- und Raufutterimport massiv zugenommen. In Zahlen ausgedrückt hat sich der Stickstoffanfall aus Kraftfutter von 30 kg auf 50 kg pro Hektare und Jahr erhöht. «Die Schweiz importiert mit dem Kraft- und Raufutter aus der ganzen Welt nichts anderes als Gülle und Mist. Damit werden dann die Felder überdüngt», sagt Marcel Liner, Pro Natura Landwirtschaftsexperte. Pro Natura fordert, dass in der laufenden Anpassung der Agrarpolitik 2014-17 die falschen Finanzanreize, insbesondere die schädlichen Tierhaltungsbeiträge, abgeschafft werden, damit die Bauern künftig mehr Geld erhalten für die tatsächlich ökologische Bewirtschaftung ihres Landes.


Internet:
www.pronatura-sg.ch
www.pronatura.ch/landwirtschaft

Pressebilder: www.pronatura.ch/pressebilder

Weitere Auskünfte:
Christian Meienberger, Geschäftsführer Pro Natura St. Gallen/Appenzell

Tel. 071 260 16 65, mobil: 079 697 84 38
ch.meienberger@pronatura.ch

Marcel Liner, Pro Natura Landwirtschaftsexperte

Tel. 061 317 92 40, mobil: 079 730 76 64

marcel.liner@pronatura.ch

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